Sie retten sich aufs Hausdach

Reinhold Arndt hat noch zwei Jahre nach der Flut mit seiner Familie auf Waltershof gelebt. Seit 39 Jahren wohnt der Rentner in Fischbek.

Reinhold Arndts Familie floh vor den Wassermassen auf Waltershof

Die Nacht zum 17. Februar 1962 wird Reinhold Arndt niemals vergessen. „Ich kam gegen 20 Uhr vom Boxtraining auf Finkenwerder wieder nach Hause“, erzählt er. Schon um 22 Uhr fällt er todmüde ins Bett. Nach nur vier Stunden Schlaf, rüttelt seine Mutter ihn wach. Arndt: „Sie schrie: Jung’, steh auf, das Wasser ist da! Ich dachte ich träume und bieb einfach liegen.“ Als der damals 22-Jährige schließlich aus dem Bett steigt, steht er bis zu den Waden im Wasser.
„Dann fiel der Strom plötzlich aus“, erinnert sich der Rentner. Gemeinsam mit seinen Eltern und der 18-jährigen Schwester bringt Arndt Bettzeug und Wertgegenstände auf den Spitzboden des einstöckigen Behelfsheims, in dem die Familie auf Waltershof lebt. Dorthin flüchten sich zuerst auch die vier Familienmitglieder. Arndt: „Wir hatten aber Angst, das sei nicht hoch genug. Das Wasser stieg rasend schnell.“ Die Arndts klettern auf das Flachdach ihres Hauses. Erst hier sehen sie das Ausmaß der Katastrophe. Arndt: „Von vielen Häusern sah man nur noch die Dächer!“
Das Grausame: Nicht alle Nachbarn schaffen es, ihre Häuser zu verlassen, bevor das Wasser dies unmöglich macht – ihre eigenen vier Wände werden zum Gefängnis. „Wir hörten sie schreien. Das war das Schlimms-te“, erinnert sich der 72-Jährige ergriffen. Machtlos und verzweifelt verharren die Arndts auf ihrem Hausdach. „Ich hielt meine Schwester fest, sonst wäre sie ins Wasser gesprungen, um zu den Nachbarn zu schwimmen. Das wäre lebensgefährlich gewesen“, erzählt der ältere Herr mit zitternder Stimme.
Die Lage spitzt sich weiter zu: „Von der Elbe rollte eine meterhohe Welle auf uns zu. Dann stieg das Wasser so hoch, dass es viele Hausdächer anhob.“ In Panik kriecht die Familie über eine Leiter auf das höhere Dach des Nachbarhauses. Dort bleiben sie für den Rest der Nacht.
In der Flutnacht kommen 42 Waltershofer ums Leben. Viele von ihnen überrascht das Wasser im Schlaf. „Man fand sie in ihren Betten liegend oder im Sessel sitzend“, erinnert sich Arndt. Zwar sei die Polizei mit zwei Peterwagen über die Insel gefahren und habe ihre Bewohner gewarnt, doch mitten in der Nacht hätten das viele nicht mitbekommen.
Was Arendt ärgert: „Erst drei Tage nach der Flut hat man sich gefragt: Was ist eigentlich mit Waltershof?“ So lange wären die Menschen auf der Insel auf sich selbst gestellt gewesen.
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