„Nimm eine lange Unterhose mit!“

1969 kam der Kroate Mario Micic nach Harburg, wurde heimisch und baute sich ein neues Leben auf. (Foto: tsilis)

Vor 45 Jahren kam der Kroate Mario Micic als Gastarbeiter in den Süden Hamburgs

Andreas Tsilis, Neuwiedenthal - Als Mario Micic (68) das erste Mal Hamburger Boden betritt, trifft US-Astronaut Neil Armstrong letzte Vorbereitungen für den Flug zum Mond. Wir schreiben das Jahr 1969. Armstrongs Worte „Ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein großer Sprung für die Menschheit“ werden später um die Welt gehen. Auch Mario Micic, der Mann aus Sutomiscica, ist auf dem Sprung, er verlässt seine kroatische Heimat mit dem Zug. Er will als Gastarbeiter hier in Norddeutschland Fuß fassen, sich etwas aufbauen. Es ist eine Reise in eine fremde Welt.
Autos, Straßenbahnen, prall gefüllte Warenhäuser, diese Vielfalt und Masse gab es in seiner Heimat nicht. „Das hat mich umgehauen!“, erinnert sich Micic. Für seine Mutter lag Hamburg irgendwo am Nordpol. „Nimm für die Reise eine lange Unterhose“, riet sie ihm. „Das hätte ich mir auch schenken können“, schmunzelt Micic. „Es war ein warmer Januarmorgen als ich in Harburg ausstieg.“
Vom Bahnhof ging es direkt zum Job. Im Tempowerk sollte er als Dreher anfangen. Für die Fahrt dorthin nahm er sich ein Taxi, und bezahlte in Dollar. „D-Mark hatte ich nur drei Hunderter.“ Der Taxifahrer knöpfte ihm fünf Dollar ab, damals rund 25 Mark. Ein halbes Jahr später stieg er erneut ins Taxi und zahlte nur fünf Mark. Der erste Fahrer habe ihn „beklaut“, sagt Micic und lacht:„So funktionierte soziale Marktwirtschaft.“
Schnell lernte er die deutsche Sprache und seine große Liebe kennen. 40 Jahre war er mit einer Deutschen verheiratet. „Dank seiner Frau“ sei aus den gemeinsamen Kindern „etwas geworden“. Micic, der in Neuwiedenthal wohnt, arbeitete bei Mercedes und Habema, war auf Montage. 42 Berufsjahre hat er auf der Uhr.
Aus Kroatien bekomme er monatlich vierzig Euro Rente, erklärt der 68-Jährige.„Hier ist es etwas mehr“. Deutschland habe ihm alles gegeben, sagt Micic, „und doch habe ich nichts.“ Vor eineinhalb Jahren starb seine Frau. Geblieben sind die Erinnerungen. Er fährt jedes Jahr nach Sutomiscica, in die alte Heimat, in sein Haus am Meer. Dort sind von einst 1.000 Bewohnern knapp 300 geblieben, „inklusive Schafen und Katzen“, witzelt Micic. Viele suchen ihr Glück anderswo - so wie Mario Micic vor 45 Jahren.
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