Leben auf der Großbaustelle

Weil ihre Wohnungen am Ohrnsweg 19 modernisiert werden, müssen Sonja Fink und Kafer Keles seit Monaten auf einer Baustelle leben.
 
Dieses Warnschild müsse laut Saga nach einer Vorgabe der Behörde aufsgetellt werden. Eine Gefahr für die Mieter bestand zum keinen Zeitpunkt, so eine Sprecherin. (Foto: Foto: pr)

Saga-Mieter im Ohrnsweg 19 klagen über unzumutbare Zustände während der monatelangen Modernisierung ihres Hauses

Seit Februar sind im Ohrnsweg 19 bis 23 Bauarbeiter im Dauereinsatz. Die städtische Wohnungsgesellschaft Saga lässt den Wohnblock noch bis November modernisieren. Das zweigeschossige Haus bekommt neue Fenster und Türen, die Fassade eine verbesserte Wärmedämmung, die Keller werden saniert, das Dach komplett erneuert, in den Wohnungen neue Heizungen eingebaut und die Bäder renoviert. Kurz: Das Haus wird generalüberholt. Für den Mieter Kafer Keles und seine Nachbarin Christa Fink ist das kein Grund zur Freude. „Man sagt uns immer, später haben sie es ja schön. Aber das sind unzumutbare Zustände hier, die man uns als zumutbar verkauft“, sagt Keles.
Auch bei Sonja Fink ist die Schmerzgrenze längst überschritten. Seit Monaten durch ein- und ausgehende Bauarbeiter keine Privatsphäre zu haben, von morgens bis abends Krach und das ewige Putzen – dicke Schichten Betonstaub überziehen immer wieder alles in ihrer Wohnung – haben an ihren Nerven gezehrt. „Ich bin vollkommen fertig“, sagt sie sichtlich um Fassung ringend. Während vor Kurzem ihr Bad renoviert wurde, konnte sich die 53-Jährige im Hotel erholen. Rund zwei Wochen lang, länger wollte die Saga nicht zahlen. „Ich war mit einem Attest vom Neurologen in der Saga-Geschäftsstelle, aber dafür hat sich niemand interessiert“, sagt die Frührentnerin, die an Epilepsie leidet.
Kafer Keles und seine Familie hatten mehr Glück. Sie durften nach drei Tagen in der Wohnung für eine Woche zurück ins Hotel. Der Grund: Sein elfjähriger Sohn leidet an Asthma, die fünfjährige Tochter ist Allergikerin. „Mein Sohn klagte über Schmerzen beim Atmen und Schlucken“, sagt Keles. Der 43-Jährige ärgert sich darüber, was die Saga seiner Familie und seinen Nachbarn zumutet. „Eine ältere Nachbarin meinte, das ist hier wie damals im Krieg. Kein fließend Wasser, und bei den Toiletten muss man mit einem Eimer nachkippen“, erzählt er.
Doch richtig wütend wurde Keles erst, als er auf der Wohnungstür der Nachbarin gegenüber ein Warnschild entdeckte: „Asbestfasern!“. „Dass hier Asbest entfernt wird, hat uns niemand gesagt. Und wir haben währenddessen nebenan gewohnt“, sagt er fassungslos. Besorgt fragte er nach und bekam zu hören, es sei alles in Ordnung und er müsse sich keine Sorgen machen. „Das reicht uns nicht. Wir möchten eine Entschuldigung von der Saga für den ganzen Ärger hier und schriftliche Informationen über die Asbestarbeiten!“, fordert er.


Das sagt die Saga:
Saga-Sprecherin Kerstin Matzen: „Über die notwendige Beseitigung von Schadstoffen wurden die Mieter bereits vor Beginn der Baumaßnahmen bei verschiedenen Mieterversammlungen informiert.“ Schriftlich über Asbest zu informieren, habe man für nicht notwendig erachtet, weil für die Mieter keine Gefahr bestand. „Die Sorge von Herrn Keles ist verständlich, aber alle Arbeiten mit Schadstoffen erfolgten selbstverständlich nach den Maßgaben des Amtes für Arbeitsschutz hinter Planen und mit Unterdruck, so dass keine Schadfasern entweichen konnten. Die Planen wurden erst nach der sogenannten Freimessung entfernt.“ Die vielen Unannehmlichkeiten bedauere man, aber eine so umfassende Maßnahme bringe sie leider mit sich. Um schnell auf Probleme vor Ort reagieren zu können, sei eine Mieterbetreuerin fast täglich am Ohrnsweg und für die Mieter per Handy erreichbar. „Über die Krankheit von Frau Fink war unsere Mieterbetreuerin leider nicht informiert, obwohl - ebenfalls vor Beginn der Bauarbeiten - mit jedem Mieter einzeln und ausführlich besprochen wurde, welche zusätzlichen Härten und Krankheiten zu berücksichtigen sind“, so Matzen.


Das sagt der Mieterverein:
Bei Arbeiten an ihrem Haus können Mieter je nach Schwere der Beeinträchtigung die Miete um bis zu 90 Prozent mindern. Ist die Wohnsituation für sie unzumutbar, muss der Vermieter eine Ersatzwohnung oder ein Hotelzimmer zur Verfügung stellen. „Das ist jedoch vom Einzellfall abhängig“, sagt Siegmund Chychla vom Mieterverein zu Hamburg.
Wird im Zuge der Arbeiten Asbest entfernt, gehöre es zu den Pflichten des Vermieters, das offen zu kommunizieren. Dabei ersetzt eine Informationsveranstaltung keine schriftlichen Benachrichtigungen, so Chychla. Sein Fazit: „In diesem Fall hat sich die Saga als Großvermieter sehr unprofessionell verhalten.“
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