Immer mehr junge Familien in Neuwiedenthal auf Tafel angewiesen

Jury Virchof ist froh über seinen Hausmeisterjob in einem Kindergarten. Diese Arbeit mache sich zwar weder jetzt noch für die Rente bezahlt, doch sei der ehemals russische Bauer mit deutschen Vorfahren zufrieden mit seiner neuen Heimat. Trotz Job ist das Geld knapp und Virchof ist auf die Neuwiedenthaler Tafel angewiesen. (Foto: Steffen Kozieraz)

Über 100 Menschen warten jeden Dienstag stundenlang auf Lebensmittel bei der Neuwiedenthaler Tafel

von Steffen Kozieraz, Neuwiedenthal
Während auf den Weihnachtsmärkten die Bratwürste duften und der Glühwein dampft, stehen sie sich im kalten Dezemberregen die Beine in den Bauch: Über 100 Neuwiedenthaler warten stundenlang und geduldig, bis sie endlich an der Reihe sind. Bis sie, wie jeden Dienstag, für einen symbolischen Euro Lebensmittel bekommen.
Die beengten Räumlichkeiten der Neuwiedenthaler Tafel im Kellergeschoss des Thomas-Gemeindezentrum sind gefüllt mit Waren, die von Supermärkten aussortiert wurden: fleckige Bananen, verbeulte Konserven und angerissene Nudelpackungen. „Heute haben wir kaum Fleisch, dafür aber Joghurt,“ erklärt Ingrid Gentschev, die seit 13 Jahren mit fünf Helfern Lebensmittel besorgt, sortiert und an Bedürftige austeilt.
Während sie eine aufgeblähte Packung Kochschinken wegwirft, erzählt sie von ihrer ehrenamtlichen Arbeit hier: „Obwohl wir erst um 14 Uhr austeilen, stehen manche Leute bereits seit 10 Uhr hier!“ Am Anfang waren es 60 bis 70 Menschen - zumeist Russlanddeutsche. Mittlerweile reihen sich im Schnitt 120 Rentner, junge Väter und Mütter mit Kindern den engen, stickigen Kellerflur entlang und einmal um die Hausecke. „In den letzten Jahren kamen deutlich mehr junge Familien mit Kindern dazu,“ berichtet Ingrid Gentschev.
Fragt man die Menschen in der Schlange wird schnell klar: Manch einer hier hat ein Alkoholproblem, und für viele ist die Tafel auch ein Treffpunkt zum herzlichen Plaudern. Doch niemand steht bei diesem Sauwetter aus Spaß hier: „Für mich ist die Tafel eine Lebensverlängerung,“ sagt die 80-jährige Nina Swirin. Seit dem Tod ihres Mannes reiche ihre kleine Rente nicht mehr.
Der 60-jährige Nikolai Nizkich arbeitete in Russland als Elektriker und hat nun mit Knieproblemen und einem Ein-Euro-Job Aussicht auf eine Mini-Rente.
Mit zwei schweren Beuteln beladen, schleppt sich Klaus Schwank die Kellertreppe hinauf. Man möchte dem über 70-jährigen seine Last sofort abnehmen, doch Klaus müht sich hier jeden Dienstag und bringt die Lebensmittel für vier Senioren, die nicht mehr gut zu Fuß sind, persönlich in die Plattenbauwohnung. Ein Knochenjob, doch einer, der ihn glücklich macht. Weil er damit armen Nachbarn hilft – und das nicht nur zur Weihnachtszeit.
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