Tatort Jobcenter

Haben Verständnis für Kunden und Betreuer: Astrid Dahaba, Bernd Christiansen (r.) und Ralf Peters.

Warum kommt es immer wieder zu Übergriffen?

Von Christopher von Savigny.
Als sie ihm die Auszahlung verweigerte, bedrohte er sie mit einer Pistole: Im März dieses Jahres war Elke P., Sachbearbeiterin im Jobcenter Fang-
dieckstraße, ohne eigenes Verschulden in die Schusslinie eines frustrierten Hartz-IV-Empfängers geraten. Nur durch gutes Zureden konnte sie den Angreifer dazu bewegen, die Waffe wieder wegzustecken. Ein weiterer Zwischenfall vor zwei Wochen in Nordrhein-Westfalen endete tödlich: Dort starb eine 32-jährige Arbeitsvermittlerin durch einen Messerstich.
Warum kommt es zu solchen Übergriffen? Bernd Christiansen, gelernter Betriebswirt, und Ralf Peters, Landschaftsgärtner, sind beide seit vielen Jahren arbeitslos und beziehen Hartz IV. Peters ist Kunde in der Fangdieckstraße, Christiansen wurde einer anderen Filiale zugeteilt. Gewalt im Jobcenter haben sie noch nicht miterlebt. „Aber man macht schonmal die eine oder andere grenzwertige Erfahrung“, sagt Christiansen.
In einem Fall sei er quasi gezwungen worden, eine Eingliederungsvereinbarung zu unterschreiben, die er kaum durchgelesen hatte. Eine solche Vereinbarung legt unter anderem fest, wieviel Geld der Arbeitssuchende erhält und wie wieviele Bewerbungen er mindestens schreiben muss. Die Atmosphäre sei richtig aufgeheizt gewesen. „Zum Schluss bin ich einfach gegangen.“
Auch Peters kennt solche Situationen: „Der Druck ist einfach riesig: Man hat Angst vor Sanktionen, Angst, die Wohnung zu verlieren, Angst, dass einem das Geld gekürzt wird.“
Astrid Dahaba, Mitglied der Bezirksversammlung Eimsbüttel für die Linke, leitet eine Hartz-IV-Selbsthilfegruppe in Eidelstedt. „Bei vielen Betroffenen staut sich eine Menge auf“, sagt sie. „Meist führt das aber nicht zu Gewalt, sondern zu Verzweiflung und Depression.“
Laut team.arbeit.hamburg hat die Anzahl der Delikte gegen Behördenmitarbeiter im letzten Jahr ihren Höhepunkt erreicht – seither zeige die Kurve wieder nach unten. „Der Rückgang ist darauf zurückzuführen, dass mit den Mitarbeitern in größerem Umfang Sicherheitstrainings und spezielle Schulungen, zum Beispiel im Umgang mit Konfliktsituationen, durchgeführt wurden“, sagt Sprecherin Heike Böttger.

Hartz-IV-Selbsthilfegruppe Treffpunkt jeden dritten Mittwoch im Monat um 9.30 Uhr im Bürgerhaus Eidelstedt, Alte Elbgaustraße 12. Nächster Termin: Mittwoch, 17. Oktober.
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Karsten Strasser aus Altona | 14.10.2012 | 22:24  
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