Milde Strafen für Chantals Pflegeeltern

Acht Monate auf Bewährung: Sylvia L. (50) auf dem Weg in den Gerichtssaal. Foto: cvs

Methadon-Tod der Elfjährigen: Sylvia L. (50) und Wolfgang A. (54) kommen mit Bewährung davon

Von Christoph von Savigny. Mehr als drei Jahre nach dem Methadon-Tod des Wilhelmsburger Mädchens Chantal (11) hat das Landgericht Hamburg entschieden: Die damalige Pflegemutter Sylvia L. (50) wird wegen fahrlässiger Tötung zu acht, ihr Ex-Lebensgefährte Wolfgang A. (54) zu zwölf Monaten Gefängnis verurteilt. Beide Strafen wurden zur Bewährung ausgesetzt. Einen noch kurz zuvor gestellten Antrag der Verteidigung auf erneute Beweisaufnahme wies das Gericht als substanzlos zurück. Die Angeklagten nahmen den Schuldspruch regungslos zur Kenntnis.
Richter Rüdiger Göbel kam in seiner knapp einstündigen Urteilsbegründung zu dem Ergebnis, dass der Tod der Schülerin ein Unglücksfall gewesen sei. „Sie werden weiterhin damit leben müssen, den Tod Chantals verursacht zu haben“, wandte sich Göbel direkt an die Pflegeeltern. „Hören Sie auf, sich selbst zu bemitleiden und finden Sie die richtige Einstellung zu Ihrer Schuld!“
Nach Überzeugung des Gerichts hatte Chantal im Januar 2012 versehentlich eine im Haushalt ihrer Pflegeeltern in der Fährstraße herumliegende Methadontablette geschluckt und war einen Tag später infolge einer Atemlähmung verstorben. Es sei „ein stundenlanger Sterbeprozess“ gewesen, führte Göbel aus.

Chantal starb am 16. Januar 2012 um 18.52 Uhr

Chantal, die seit 2008 bei ihren Pflegeeltern lebte, hatte am Vorabend ihres Todes über Übelkeit geklagt und daraufhin ihre Pflegemutter telefonisch um Hilfe gebeten. Bei der Suche nach einem Medikament kam es dann offenbar zur Verwechslung mit dem für sie letzten Endes tödlichen Methadon. Beide Pflegeeltern waren damals von der Ersatzdroge abhängig. Wolfgang A. hatte Chantal schlafen lassen im Glauben, sie müsse sich ausruhen. Nach Auffassung des Gerichts hätte das Mädchen selbst am nächsten Vormittag „mit Sicherheit“ noch gerettet werden können. Chantal starb am 16. Januar 2012 um 18.52 Uhr im Altonaer Kinderkrankenhaus.
Kurz vor der Urteilsverkündung hatte die Verteidigung beantragt, Chantals Stiefschwester – damals acht, heute elf Jahre alt – als Zeugin zu vernehmen. Diese könne bezeugen, dass Chantal die tödliche Ersatzdroge nicht von ihren Pflegeeltern, sondern von ihrem leiblichen Vater Michael M. bekommen habe. Das Gericht schenkte dieser Darstellung jedoch keinen Glauben. Die Verteidigung kündigte an, in Revision gehen zu wollen.
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