Hier gibt’s auch Süßigkeiten

Zeki Yazici leitet die Vatan-Moschee auf der Veddel. Der religiöse Dachverband der Gemeinde ist die Schura (Rat der Islamischen Gemeinschaften in Hamburg e. V.). Foto: cvs

Vorgestellt: die Vatan Camii-Moschee auf der Veddel

Ch. v. Savigny, Veddel
Wer in Hamburg eine Moschee besucht, erwartet nicht notwendigerweise einen Kuppelbau mit Minarett. Ein paar Kellerräume oder eine Garage tun es zur Not auch. Und doch stellt die „Vatan Camii“ („Heimatmoschee“) in dieser Hinsicht etwas ganz Besonderes dar. Denn direkt im Eingangsbereich betreibt Gemeindevorsteher Zeki Yazici einen kleinen Kiosk, in dem er Knabberkram, Getränke und ein paar Lebensmittel verkauft. Für Yazici ist es mehr ein Service denn ein echtes Geschäftsmodell. „Verdienen tue ich dabei kaum etwas“, sagt er. „Aber die Kinder von der Koranschule freuen sich immer so, wenn sie bei mir Süßigkeiten kaufen können.“1993 wurde die Vatan-Gemeinde gegründet, vier Jahre später zog sie in das frühere Ladenlokal an der Veddeler Brückenstraße, das der Saga gehört, und in dem sie immer noch zuhause ist. Das Gotteshaus besteht im Wesentlichen aus zwei mit dicken Teppichen ausgelegten Gebetsräumen, die zusammen 170 Quadratmeter umfassen.
Bereits um 4.45 Uhr beten 20 BesucherDie Gebetszeiten – fünf pro Tag – richten sich nach den Zeiten für Sonnenauf- und Sonnenuntergang. Jahreszeitenbedingt müssen gläubige Muslime derzeit extrem früh aufstehen: Schon um 4.45 Uhr beginnt das Morgengebet, regelmäßig finden sich um die 20 Besucher ein. Was viel ist, verglichen mit den meisten christlichen Sonntagsgottesdiensten hierzulande.
Richtig voll wird die Veddeler Moschee an Feiertagen, wenn ganze Familien mit Kind und Kegel anreisen. Bis zu 600 Besucher hat der Gemeindevorsteher schon gezählt. „Dann legen wir auf den Bürgersteigen Plastikteppiche zum Beten aus“, berichtet Yazici. Den Moscheegäs-ten mache das im Prinzip nichts aus. „Wir hatten es auch schon, dass es draußen geschneit hat.“
Zu den Angeboten der Gemeinde gehören neben der Koranschule (für Kinder, manchmal auch für Erwachsene) eine Jugendgruppe und ein Frauencafé. „Das alles aufrechtzuerhalten, ist nicht immer leicht“, erklärt Yazici. Grund: Die Einnahmen durch Mitgliedsbeiträge hätten sich verringert, etliche reichere Gemeindeglieder seien fortgezogen. „Inzwischen wohnen hier nur noch Rentner und Sozialhilfeempfänger“, sagt er. „Aber noch können wir uns ganz gut über Wasser halten.“

Interview mit Gemeindevorsteher Zeki Yasici

Integration? Islamismus? Weltpolitik? Das Wochenblatt stellte Gemeindevorsteher Zeki Yasici drei kurze Fragen zu aktuellen Themen.

Was die große Politik angeht, haben sich die Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei in letzter Zeit drastisch verschlechtert. Ist das bei Ihnen in der Gemeinde ein Thema?
Zeki Yazici: Ich kann nur für mich persönlich sprechen. Die Probleme in der Türkei interessieren mich zwar, aber in erster Linie bin ich doch Hamburger und Veddeler und fühle mich als solcher dem Stadtteil verbunden. Wichtig für mich und für unsere Gemeinde ist doch: Sind wir hier angekommen? Werden wir akzeptiert? Dafür setzen wir uns ein.
Fühlen Sie sich integriert?
Wann ist man integriert? Auf jeden Fall hat es nichts mit der Haut- oder mit der Haarfarbe zu tun. Ich lebe seit 1981 in Deutschland, ein Jahr später bin ich auf die Veddel gezogen. Hier im Stadtteil fühle ich mich zuhause. Von den 5.000 Veddelern kennen mich sicher 4.000 (lacht). Wichtig ist in jedem Fall, dass Integration von beiden Seiten ausgeht. Wir müssen sie wollen, und die deutsche Gesellschaft ebenso.
Nicht erst in letzter Zeit ist der Islam als Religion verstärkt in Misskredit geraten: In Fußgängerzonen werden islamistische Schriften verbreitet, Moscheen stehen unter Verdacht, sogenannten „Gotteskriegern“ Unterschlupf zu gewähren. Was sagen Sie dazu?
Die Menschen haben generell Angst vor dem, was sie nicht kennen. Für die Zukunft wünsche ich mir mehr Austausch, damit wir unsere Ängste abbauen und uns gegenseitig besser kennenlernen können. Ein guter Zeitpunkt ist immer der Tag der Moscheen am 3. Oktober. Mit der Immanuelkirche haben wir bereits guten Kontakt. Zum Beispiel feiern wir am 25. Juni gemeinsam das Fastenbrechen (am Ende des Ramadan, d. Red.).

Serie Moscheen
Hamburg hat etwa 130.000 Muslime, das entspricht rund acht Prozent der Bevölkerung. Die Anzahl der Moscheen – derzeit rund 50 – liegt inzwischen deutlich über der der katholischen Kirchen (42). Mit ihrem hohen Migrantenanteil liegen Wilhelmsburg und die Veddel bei diesen Statistiken weit vorne.Wer sind unsere Nachbarn? Wie leben sie? In loser Folge portraitiert das Elbe-
Wochenblatt mit Beginn dieser Ausgabe die muslimischen Gemeinden auf den Elbinseln. Heute: „Vatan Camii“.
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