Herbst-Impressionen von der igs Hamburg 2013

Felsbär mit Bonsaibaum (Foto Chris Baudy)
 
Bunte Pflanzenwelt (Foto Chris Baudy)
 
Monorail über Herbstblumen (Foto Gisela Baudy)
Hamburg: IGS | Es ist der letzte Freitag im September 2013. Er kommt herbstfrisch, aber freundlich daher − zunächst einmal. Das Thermometer klettert mittags auf 14 Grad im Schatten. Fast lohnt es sich, mit den igs-Karten auch die Sonnenbrillen hervorzuholen. Doch kaum hatten wir den Haupteingang der Internationalen Gartenschau Hamburg auf der Wilhelmburger Insel hinter uns gelassen und unsere Tickets weggesteckt, drängt uns ein heftiger Regenschauer in die Blumenhalle. Kleine scharfe Sachen warten hier auf uns: Gelbe, rote und orangefarbene Paprikas und Chilis aller Art leuchteten uns verführerisch entgegen, sollen aber bitteschön nicht berührt werden wegen möglicher allergischer Reaktionen. Ein paar Schritte weiter läuft gerade ein Vortrag über Hausböcke, gekämmte und gemeine Nagekäfer, Trotzköpfe und andere Holzschädlinge. Dazu legen an die dreißig, mit etlichen Löchern übersäte Holzproben ein eindrückliches Zeugnis über die zerstörerische Kraft dieser ungebetenen Hausgäste ab. Im Übrigen erstrahlt die Blumenhalle in den jahreszeitgemäßen Farben. Wir gehen auf die Pirsch und schießen ein paar bunte Fotos.

Der Regen hatte ziemlich nachgelassen, als wir uns Richtung Süden zur „Welt der Bewegung“ aufmachen. Anna-Lena, die mit Mama und ihrer kleinen Schwester soeben auf das igs-Gelände gekommen war, steuert zielbewusst auf ihre wartenden Großeltern zu. "Das kannst du aber schon gut, mit dem Roller fahren", lobt die Oma die Sechsjährige. Diese zieht stolz ein paar Kreise, während sich der Rest der Familie begrüßt. Die Sonne kommt wieder durch und schon dringen Tellergeklapper und Stimmen an unser Ohr, als wir am Wälderhaus vorbeiziehen: Draußen vor diesem riesigen, bienenstockartigem Gebäude mit Holzfassade hatten einige Leute Platz genommen. Während sie ihren Kaffee genießen, fragen wir uns, wo wir denn nun den nassen Regenschirm lassen sollen. In einem Bollerwagen vielleicht? Indiskutabel. Genauso wie alle anderen Mobilitätshilfen, die kostenfrei ausgeliehen werden können. Eine davon ruckelt sich gerade im Stop-and-Go-Modus vor uns vorwärts. Eine Mitsechzigerin probiert einen E-Scooter unter den türkischsprachigen Anweisungen ihrer beiden Töchter aus. Als sie unsere neugierigen Blicke bemerkt, erklärt sie lächelnd: "Muss ich doch lernen!"

Wieder bezieht sich der Himmel und es beginnt erneut zu tröpfeln. Die Sport-, Spiel- und Spaß-Welt kommt in Sichtweite. Ein bunter Graffiti-Schriftzug verrät uns, dass wir im Sportpark angekommen sind. Wir betrachten die graue, regennasse und scheinbar menschenleere Skater-Welt. Plötzlich taucht ein 13-jähriger Blondschopf mit Baseball-Mütze in der Anlage auf − rollend, drehend und springend auf seinem orangenen Fahrrad. Ihm folgen zwei weitere junge Radkünstler. Beeindruckt verlassen wir diese so gar nicht unsere Bewegungswelt und testen lieber unser Gleichgewicht auf gelben, auf einem kurzen Schaft fixierten Kugeln aus. Über uns schwebt die silbergraue Monorail-Raupe Nr. 6 hinweg.

Wir folgen ihrer Bahn ein Stück. Vor dem komplett aus Holz zusammengesetzten "Haus der Landschaften" zieht ein Kinder-Bettgestell mit Matratze, Decke und Kissen unsere Blicke auf sich. Denn das weißgestrichene, metallene Eisenbett hängt in einem Baum. "Ja, was das nun wieder soll?" −"Da haben sich mal wieder ein paar Elitäre ausgetobt", kommentiert hinter uns ein Rentnerehepaar. Drinnen erfahren wir, dass das Bett schon vor dem Aufbau des Holzhauses da war. Gewissermaßen eine viel zu hoch aufgehängte Hinterlassenschaft. Durch das Fenster beobachten wir eine Gruppe Kinder hinter dem Haus. Mit hell-orangenen Helmen und Haltegurten bestückt arbeiten sie sich unter Aufsicht durch den Hochseilgarten.

Weiter geht’s. Den „Kreislauf-Pavillon“ zeichnet eine UNESCO-Fahne als Offizielles Projekt der Weltdekade "Bildung für nachhaltige Entwicklung" für die Jahre 2013/2014 aus. Neugierig schreiten wir das Bauwerk ab, das aus zusammengesteckten und -gebundenen Ästen heimischer Wälder errichtet ist. Drinnen hocken zwei knutschende Turteltauben älteren Semesters. Schmunzelnd überlassen wir die beiden Grauköpfe sich selbst und wandern weiter gen Süden.

Unser nächster Stopp gilt einem außergewöhnlichen Kunstprojekt, das Besucherinnen und Besucher einlädt, ihre Schubladen-Pläne, -Ideen und -Visionen endgültig ad acta zu legen. Was auch einige bereits getan haben. Da hat zum Beispiel jemand sein Vorhaben, die Wohnung aufzugeben und nur noch draußen zu leben, um für alles offen zu bleiben, in Stein meißeln lassen und kla(n)glos begraben − auf dem "Friedhof der guten Ideen". Jetzt ist sie oder er wieder offen für Neues.

Monorail Nr. 2 überholt uns auf unserem Streifzug durch die beeindruckenden Gärten Afrikas, Amerikas, Asiens, Australiens und Europas. In Sansibar etwa begrüßt uns ein steinerner Braunbär, ein hoher Fels mit einen Riesen-Bonsai-Baum auf seinem Haupt. Natürlich ist er umzingelt von fünf oder sechs Motivjägerinnen und -jägern. Wir verlassen das Land der Pharaonen und durchqueren den Amazonasregenwald, verweilen in Mittelamerika "Zwischen Himmel und Erde" und landen schließlich neben einer vier Meter hohen Heinz-Ketchup-Flasche auf "Dreamopoly". Richtig, wir sind jetzt in Amerika, dem Land der −theoretisch − vielen Möglichkeiten. Auf dem mit einem Dollarzeichen markierten Spielfeld-Quadrat dreht sich ein Glücksrad, mal schneller, mal langsamer, mal mit richtig viel Schwung. "Emily kann das nicht so gut wie ich", stellt der fünfjährige Dominique fest. "Ja, aber deine Schwester ist ja auch viel kleiner als du", gibt die Mutter zu bedenken und wird selbst tätig. Emily kräht vor Vergnügen und versucht es auch noch einmal. Unsere Spiellaune lässt uns als nächstes das zentralasiatische Chien Tung-Orakel ausprobieren. Wir denken uns eine Frage und eine Zahl bis 50 aus, suchen in dem Schränkchen vor den fest installierten Megastäben nach einer Weissagung und − ? Nichts und. Alle Schubladen sind leer. In Europa dann interessiert uns besonders der "Landeplatz für Engel", der durch einen Mini-Wassergraben vor unbefugtem Zutritt geschützt ist. Ein paar Frauen mittleren Alters versuchen "op Platt" die französischsprachige Gravur auf dem hellgrünen Engelsstuhl zu entziffern. Das gelingt aber nur mit Kamera-Zoom.

Zwei Schritte weiter parkt ein roter Laster inmitten einer Reihe von Stühlen und versperrt die Sicht auf die Hauptbühne. "Ohnsorg-Theater" prangt da in weißen Lettern. Ach ja, heute Abend rocken mal plattdeutsche Musikerinnen und Musiker die Bühne. Wir ziehen weiter und tauchen unvermittelt in ein prachtvolles Dahlienmeer. Wieder kommt die Digitalkamera zum Einsatz und erreicht langsam das Ende ihrer Aufnahmekapazität. Bei uns geht noch was. Wir erkunden die "Lebendigen Kulturlandschaften" und treffen etwa in der Lüneburger Heide auf eine pflegeleichte Schafsherde. Jede Heidschnucke ist aus Gips und auf witzige Weise dekoriert. Besonders amüsiert uns die Schafsdame in Lila mit ihrem offenherzigen Dekolleté. Wir schreiten eine Reihe von bunt bemalten Kinderstühlen mit hohen Lehnen ab und betreten das Reich der Arznei- und Giftpflanzen. Hier versammeln sich blauer Eisenhut, Goldlack, Lupinen, Stechapfel, Waldmeister und überhaupt alles, was ein ordentlicher "Hexenkessel" so braucht. Heilkräuter wie Lungenkraut, Spitzwegerich, Thymian und mehr finden wir in einem separaten Holzkübel.

Bevor wir uns auf den Rückmarsch machen, werfen wir noch einen kurzen Blick in die Kleingarten-Oase und stoßen auf ein Insektenhotel. So eine Nisthilfe für Wildbienen und Wespen wäre doch, natürlich ohne die vorgebohrten Löcher, auch etwas für den gemeinen Hausbock und seine Holzwurmbande, quasi als Termitenhotel. Nun denn. Das Chronometer zeigt kurz nach sieben und plötzlich spüren wir jeden Schritt, den wir Richtung Hauptausgang nehmen. Auch ziehen schon wieder bedrohliche Regenwolken auf. Dafür belohnt uns ein herrlicher Regenbogen über Wilhelmsburg.

Wir freuen uns auf einen trockenen und bequemen Sitzplatz in der S-Bahn. Trocken ist es im Abteil, aber auch recht voll. Ein glühend roter Ball wirft seine letzten Tagesstrahlen von Westen her durchs Wagon-Fenster. Ein herrlicher Ausklang für einen so erlebnisreichen Nachmittag.

Lesen Sie hier weiter:

> Sommer-Erlebnisbericht
> Hintergrundinformationen zur igs
Sommerimpression von der igs (Foto Chris Baudy)
Sommerimpression von der igs (Foto Gisela Baudy)

Chris Baudy
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