Hausarzt: eine aussterbende Spezies

Für Hausärzte wird es immer schwieriger, Nachfolger zu finden. Junge Mediziner scheuen das finanzielle Risiko einer eigenen Praxis und legen Wert auf geregelte Arbeitszeiten. Foto: pr

Wilhelmsburger Praxis fand keinen Nachfolger – und ging neue Wege

von Claudia Pittelkow
Vor zwei Jahren fand Hausarzt Joachim Hartung keinen Nachfolger für seine Praxis auf der Veddel, im letzten Jahr erging es Manuel Humburg mit seiner Wilhelmsburger Praxis genauso. „Das war eine ernüchternde Erfahrung“, so der Allgemeinmediziner. Inzwischen hat der 65-Jährige seinen Ruhestand angetreten, die Nachfolge ist geregelt – allerdings musste die Gemeinschaftspraxis dafür erst in eine GmbH umgewandelt werden.
Erst vor zwei Jahren hatten sich vier Wilhelmsburger Praxen im Reinstorfweg zu einem Ärztezentrum zusammengeschlossen. Auf diese Weise konnten die Partner die Kosten für Räume und Geräte teilen, längere Sprechzeiten anbieten und vor allem jungen Nachwuchsärzten einen attraktiven Arbeitsplatz bieten. Doch die Rechnung ging nicht auf: Keiner der Assistenzärzte, die im Ärztezentrum tätig waren, wollte bleiben. Die Arbeit am Patienten habe den jungen Kollegen zwar gefallen, aber keiner wollte das Risiko der Selbstständigkeit mit eigener Praxis auf sich nehmen. Zwei Kandidaten habe es gegeben, so Humburg. „Doch die haben kalte Füße bekommen.“ Einen Nachfolger fand er nicht.
Das Problem mit der Nachfolge ist nicht auf die Elbinseln beschränkt: Eine Untersuchung des AOK-Bundesverbandes belegt, dass sich die Forderungen junger Ärzte geändert haben. Die Vereinbarkeit von Arbeit und Familie ist bei 5.000 befragten Ärzten unter 40 Jahren der wichtigste Aspekt bei der Niederlassungsentscheidung. Das Modell des traditionellen Hausarztes mit 60-Stunden-Woche hat offenbar ausgedient. Humburg: „Die jungen Ärzte wollen geregelte Arbeitszeiten.“
Aus diesem Grund haben sich Humburg und seine Kollegin entschieden, die Gemeinschaftspraxis in eine „Medizin vor Ort Gmbh“ (MVO) umzuwandeln. Die Ärzte arbeiten nun nicht mehr selbstständig, sondern als Angestellte der MVO. Durch diesen Schachzug waren schnell zwei neue Partnerinnen für die Praxis gefunden. Eine von ihnen: Dr. Charlotte
Beckmann aus der Schweiz. Sie habe sich bewusst für Wilhelmsburg entschieden, erzählt sie. „Zum einen ist der Stadtteil interessant, zum anderen wollte ich als angestellte Ärztin arbeiten. Eine eigene Praxis wäre mir zu riskant.“
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