Chantals Pflegeeltern vor Gericht

Auf dem Weg in den Gerichtssaal: Sylvia L. (50) und Wolfgang A. (54, r.) mit Rechtsanwalt Udo Jacob. Foto: cvs

Drei Jahre nach dem Tod der Schülerin beginnt der Prozess

Von Christopher von Savigny.
Einen regelrechten Spießrutenlauf erlebten die Angeklagten noch vor Beginn der Verhandlung, als sie im Gerichtssaal von Fotografen und Kameraleuten ins Visier genommen werden. Mehrere Minuten dauert das Blitzlichtgewitter, während dessen sich Sylvia L. (50) und Wolfgang A. (54) ganz klein zusammenkauern, die Sweatshirt-Kapuze überm Kopf, Hände und Schreibblock vor dem Gesicht. Erst als wirklich keiner mehr ein Bild machen möchte, schickt der vorsitzende Richter die Pressevertreter vor die Tür.

Vorwurf:
Fahrlässige Tötung


Knapp drei Jahre nach dem Tod von Chantal D. (11) hat nun die Verhandlung gegen die Pflegeeltern der Wilhelmsburger Schülerin begonnen. Der Vorwurf der Staatsanwaltschaft lautet auf fahrlässige Tötung: Im Januar 2012, so die Anklage, habe Chantal versehentlich eine im Haushalt von L. und A. herumliegende Methadontablette eingenommen, an deren Wirkung sie einen Tag später starb. Zunächst war nur gegen den Pflegevater verhandelt worden. Auf Betreiben der Staatsanwaltschaft wurde die Anklage auch auf Sylvia L. ausgeweitet, da beide für den Tod Chantals verantwortlich seien.
Vor Gericht weisen L. und A. den Vorwurf der fahrlässigen Tötung von sich. Es habe sich vielmehr um ein schreckliches Versehen gehandelt. So seien die Medikamente, die die beiden Angeklagten als Ersatzdroge benötigen, ordentlich weggeschlossen gewesen.
Chantal habe sich an dem betreffenden Abend unwohl gefühlt und ihre Pflegeeltern, die nicht zuhause gewesen seien, telefonisch um Rat gebeten.
A., von Beruf Kfz-Mechaniker, habe erst am nächsten Morgen nach ihr sehen können. Das Mädchen habe jedoch nicht aufstehen wollen, sondern etwas gemurmelt und sich die Bett-decke über den Kopf gezogen. A. habe daraufhin beschlossen, Chantal nicht zur Schule zu schicken. „Ich bin nicht von einer Lebensgefahr ausgegangen“, lässt der Angeklagte durch seinen Anwalt verlesen.
In seiner Anklageschrift äußert sich der Staatsanwalt auch zum Zustand der Wohnung von Chantals Pflegeeltern in der Fährstraße. Dort lebten A. und L. zusammen mit zwei leiblichen Kindern, einer erwachsenen Tochter von L., die selbst ein Kind hatte, und mit Chantal. Die Wohnung sei „extrem unordentlich“ gewesen, teils hätten die Kinder zu mehreren in einem Bett schlafen müssen. Zudem habe Chantal bereits geraucht und sei von ihren Pflegeeltern nicht daran gehindert worden.
Für die Verhandlung vor dem Hamburger Landgericht wurden vorerst sechs weitere Prozesstage angesetzt. Unter anderem sollen Polizeibeamte, Sachverständige und Mitarbeiter des Jugendamts als Zeugen aussagen. Mit einem Urteil wird nicht vor dem 19. Dezember gerechnet.
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1 Kommentar
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Anne Böhm aus Wilhelmsburg | 05.12.2014 | 09:59  
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