Angst vorm Wasser?

Schwimmen macht Spaß. Allerdings schaffen die meis-ten Grundschüler nach der vierten Klasse gerade mal eine Bahn im 25-Meter-Becken. Foto: panthermedia
 
Fordert mehr Schwimmunterricht: Sabine Boeddinghaus (Linke). Foto: linksfraktion-hamburg.de (Karin Desmarowitz)

Viele Wilhelmsburger Schüler können nicht schwimmen – woran liegt’s?

Ch.v.Savigny, Wilhelmsburg
Als Flussinseln sind sowohl Wilhelmsburg als auch die Veddel von reichlich Wasser umgeben. Etliche Kanäle durchziehen den Stadtteil. Doch als Wasserratten kann man die Elbinsulaner kaum bezeichnen: Laut einer Anfrage der Linken in der Bürgerschaft starten neun von zehn Grundschülern in der dritten Klasse als komplette Schwimmanfänger. Hamburgweit sieht es kaum besser aus: Zwar haben 83 Prozent am Ende der Grundschulzeit das „Seepferdchen“-Abzeichen abgelegt – allerdings wird dies nicht überall als Nachweis der Schwimmfähigkeit anerkannt.
Über die Gründe kann man spekulieren: Zwecks Frühförderung hatte die Schulbehörde den Schwimmunterricht vor drei Jahren von der 5./6. Klasse in die Grundschulzeit verlegt – messbare Ergebnisse sind dabei laut Linken-Anfrage nicht
herausgesprungen.
Andere sehen Bäderland als Sündenbock: Der Hamburger Schwimmbad-Betreiber hatte bereits 2006 das Schwimmtraining mit den Grundschülern von den einzelnen Schulen übernommen. Doch es läuft nicht so richtig: Von einem „Massenbetrieb“ ist die Rede, viele Trainer würden ihre Schüler noch nicht einmal kennen. „Dort muss ein Programm abgearbeitet werden, die Bäderland-Anleiter haben viel zu wenig Zeit, pädagogisch etwas zu machen“, findet Frank Rohweder, stellvertretender Leiter der Grundschule Stübenhofer Weg. Auf der anderen Seite lobt er die Zusatzangebote – Förderstunden und Ferienkurse – für Nichtschwimmer: „Ich finde es toll, dass Bäderland so etwas anbietet.“
Die Stadtteilschule Wilhelmsburg unterhält sogar ein eigenes Förderprogramm: „Wir machen so etwas wie eine Bedarfsanalyse für jedes Schuljahr und bieten dementsprechend Crashkurse an“, sagt Schulleiter Jörg Kallmeyer. Durchschnittlich 40 Schüler pro Halbjahr nähmen daran teil. Hintergrund: „Alle meine Kollegen beklagen nach wie vor vor das schwache Niveau beim Schwimmen“, so Kallmeyer.
Bäderland-Sprecher Michael Dietel zum Thema: „Festgemacht an Zahlen muss man sagen, dass das Schulschwimmen in Hamburg heute verlässlicher läuft als früher. Es haben mehr Kinder Schwimmunterricht, mehr Kinder ein erstes Abzeichen.“ Auch seien Unterrichtsausfälle nach der Bäderland-Übernahme deutlich seltener geworden.

Das Elbe-Wochenblatt stellte Sabine Boeddinghaus, der aus Harburg stammenden Schulexpertin der Linken, drei Fragen zum Thema Schulschwimmen.

Was müssten Bäderland und die Schulbehörde tun, um den Schwimm-Unterricht zu verbessern?
Wir haben von Beginn an kritisiert, dass der Schulschwimmunterricht nicht mehr von Sportlehrkräften der jeweiligen Schulen durchgeführt wird, die die Schüler in Persönlichkeit und Lernverhalten genau kennen, was ein besseres Erlangen der individuellen Schwimmerfolge ermöglichen kann. Angesichts der enormen Nichtschwimmerquote nach Klasse 4 fordern wir zudem eine weitere Schwimmeinheit (eine Unterrichtsstunde reale Wasserzeit) pro Schulwoche für alle Grundschulklassen in Jahrgang 3 und 4.
Wilhelmsburg und die Veddel sind Stadtteile mit hohem Migrantenanteil. Viele Kinder aus diesen Familien können nicht schwimmen, weil es „nicht üblich“ ist. Wie kann man dem begegnen?
Sicherlich mag es hinsichtlich vieler Mitbürger mit Migrationshintergrund gegenüber dem Schulschwimmen oder dem Schwimmen an sich gewisse Hemmschwellen oder Vorbehalte geben. Ich glaube aber, dass insbesondere die Frage der Bezahlbarkeit des Schwimmens in öffentlichen Bädern in unserer Stadt die größte Hürde darstellt.
Reicht das „Seepferdchen“ als Nachweis der Schwimmfähigkeit, oder muss die Messlatte höher gelegt werden?
Hier sind sich die Experten der DLRG einig: Das „Seepferdchen" ist keine Schwimmstufe und kann ein sicheres Schwimmen entsprechend auch nicht garantieren. Deshalb muss allein der Standard des Jugendschwimmabzeichens Bronze – wie von der DLRG gefordert – für den Schwimmunterricht der niedrigste erstrebte Schwimmfähigkeitsgrad werden. Alles andere ist unverantwortlich.

Bäderland
Das Unternehmen Bäderland wurde 1995 gegründet. Davor gehörten die Schwimmbäder der Hansestadt zu den Hamburger Wasserwerken.Aktuell werden 28 Bäder betrieben, davon haben zehn einen Freiluft- und zehn einen Wellnessbereich. Zudem gibt es sechs Freibäder. Zurzeit investiert Bäderland rund 64 Millionen Euro in den Ausbau seiner Anlagen, ein Bad (in Ohlsdorf) wird sogar komplett neu gebaut.
Beim Stichwort „mangelnde Schwimmfähigkeit“ wird oft der – als zu hoch empfundene – Eintrittspreis – ins Feld geführt: Zahlte man als Erwachsener Mitte der 80er Jahre noch drei Mark für einmal Schwimmen, sind es heute mindestens sechs Euro. Per Rabattkarte lässt sich der Preis um bis zu 18 Prozent mindern.
Für das Schwimmabzeichen „Seepferdchen“ müssen Kinder 25 Meter schwimmen, einmal vom Beckenrand springen und einen Gegenstand aus schultertiefem Wasser heraufholen. Bäderland bietet außerdem das Abzeichen „Pinguin“ an, bei dem mehr Wert auf „Wasserspaß“ gelegt wird. Über die Prüfungskriterien ist allerdings nichts bekannt
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