In dieser Familie dreht sich alles ums Rad

Die tradtionelle Trainingsgmeinschaft der Harburger RG: Susanne Plambeck, Bernd Grzeja, Moritz, Philipp und Frank Plambeck (v.l.). Foto: köslin

Vorgestellt: die Plambecks

Von Christel Köslin.
Man hätte sich das ja denken können. Eine Verabredung mit den Plambecks, Harburgs bekanntester Radsport-Familie, ist nur möglich bei einer Radsportveranstaltung. Am Tage vor den Cyclassis wird an der Mönckebergstraße ein spektakuläres Sprintrennen ausgetragen.
Auch der Jungfernstieg ist voll von Verkaufsständen für die Radsport-Szene. Fünf freie Plätze finden wir endlich in einer Bäckerei am Gänsemarkt. Susanne und Frank Plambeck, das Radsport-Ehepaar, nehmen Platz. Kennengelernt haben sich die Lizenzfahrerin aus Elmshorn und der Nachwuchsfahrer aus Harburg natürlich bei einem Straßenrennen. Gemeinsam sind die beiden seit fast 30 Jahren so etwas wie der sportliche Herzschlag der Harburger Radsport-Gemeinschaft (HRG). Die HRG hatten sie in den zurückliegenden Jahren zu Deutschlands erfolgreichster Nachwuchsschmiede vor allem im Rad-Cross mit an die Spitze gebracht.
Jetzt, am Tisch neben der Mutter, Philipp, der 18-Jährige, der sich nach dem Abitur erst einmal ganz seiner ererbten Leidenschaft widmen darf. „Ich trainiere täglich mindestens vier Stunden“, sagt der schlanke Junge und zeigt sein zuversichtliches Lächeln. „Rund 600 Kilometer bin ich in dieser Woche gefahren.“
Neben dem Vater krümmt sich Moritz über den Tisch, der 14-jährige mit den pfiffigen Augen hinter der Brille. Auch Moritz hat in der Radsport-Szene längst einen Namen. Er ist der kleine, coole Taktiker, der oft genug die kraftvollen Lulatsche blamiert. Moritz ist zwar kräftig gewachsen, aber das sind seine Gegner auch. Das ist auf dem Handy zu sehen, mit dem er ständig herumspielt.
Er wiederholt einen Videofilm von der Radsport-Nacht am 26. Juli in Hannover. Man kann noch einmal das Rundstreckenrennen der Jugend über 20 Kilometer verfolgen. Einfahrt in die letzte Runde. An der Spitze vier kräftige Kämpfer im Pulk. Dahinter, scheinbar chancenlos, ein Kleiner in gelb. Dann ein Höllensprint auf den letzten Metern. Und der Kleine kommt von hinten, versucht rechts vorbei zu schießen, versucht es links. Und plötzlich schießt er durch die Mitte. Und dann steht Moritz Plambeck von der Harburger RG ganz oben auf dem Siegertreppchen.

Der Keller ist vollgestopft mit 20 Rädern

„Die Taktik bei den Rennen“, sagt er jetzt und bestellt sich noch etwas zu essen, „das mache ich genau wie die Mama.“ Die hat die Rennleidenschaft von ihrem Vater übernommen und der auch schon von seinem Vater. Opa Artur ist schon 1928 in Berlin Radrennen gefahren. Ein Sport fürs Volk war das schon damals. Radrennen, das war etwas für die Arbeiterklasse und hat sich auch aus dem Arbeitersport heraus entwickelt.
„Mein Vater, der von 1956 an sieben Jahre lang Rennen gefahren ist, bekam 1977 von seinem Arzt zu hören, wenn sie sich nicht bewegen und nicht abnehmen, sind sie bald tot“, erzählt Susanne Plambeck, die fast täglich die 35 Kilometer hin und zurück zur Arbeit bei der DAK mit dem Rad fährt. „Mein Vater, der 120 Kilo wog, hat also bei uns in Elmshorn sein altes Rennrad aus dem Keller geholt. Und von den ersten Kilometern bin ich mit ihm gefahren. Und als Didi Thurau damals bei der Tour de France zwei Wochen in Gelb fuhr, hat er mir mein erstes Rennrad gekauft.“
Das war auch das Jahr, in dem ein sehr ehrgeiziger 17-Jähriger mit seiner Familie von Kiel nach Harburg zog. Von dort raste er öfter mit dem Rad zu seiner Oma gut 100 Kilometer nach Kiel und meist am selben Abend wieder zurück. Als Schüler war Frank Plambeck 1974 einmal Siebter bei der deutschen Straßenmeisterschaft geworden. Als Junior holte er sich 1978 den Titel und neun Jahre später als Elitefahrer die deutsche Meisterschaft noch einmal mit der Mannschaft. Damals waren Frank, der studierte Betriebswirt, und Susanne, die EDV-Fachfrau bei der DAK, wo beide heute noch arbeiten, längst ein Paar. Fünf Jahre später, 1992 haben sie geheiratet. Die junge Frau Plambeck gewann die Belgien-Rundfahrt für die Frauen und wurde Zweite bei der Tschechien-Rundfahrt.

Der Traum von einem
Continental-Team

Pokale in fast allen Ecken, Siegerfotos an den Wänden, der Keller vollgestopft mit 20 Rädern – natürlich prägt der Radsport auch das Zuhause der Familie. Interessanter sind da die unterschiedlichen Antworten der vier auf die Frage, was sie an ihrem Sport am meisten lieben?
Vater Frank Plambeck: „Der Wettkampf Mann gegen Mann. Meist muss man in einem Rennen nur zwei Mal wirklich schnell fahren und das letzte aus sich heraus holen. Das ist, wenn einer ausreißen will und das ist im Zielspurt. Und jedesmal keucht und kämpft einer neben dir, der nur eins will, seinen Gegner schlagen. Und nur das willst du auch.“
Susanne Plambeck, die Mutter, sagt: „Ich war nie die Schnellste, bin fast nie als Erste in die Kurve gefahren, aber oft als Erste herausgekommen. Alles genau kalkulieren, das Verhalten der Gegnerinnen, den Straßenbelag, den Wind und dann in die angsterfüllten Gesichter sehen, wenn du die Gegnerinnen überholst. Diese Genugtuung, diesen Stolz habe ich auch immer mit in den Alltag genommen.“
Philipp, der 18-jährige Sohn: „Die Geschwindigkeit, dieser aufwühlende Rausch. Am 1. Mai bei meinem ersten Rennen in der Junioren-Bundesliga war auf meinem Tacho die 98 als höchste Geschwindigkeit festgehalten. Mit 98 km/h sind wir einen Berg runter und ich rutsch unten in der Kurve weg. Ich fuhr hinterher, 20 Kilometer ganz alleine. Aber wenn du Wut im Bauch hast, spürst du nicht das Brennen in der Lunge, nicht die Übelkeit, selbst die Schmerzen in den Beinen ignorierst du. Ich bin noch auf Platz 13. vorgefahren. Solche Kämpfe, die machen einen stark.“
Moritz, der im November 15 wird: „Bei der deutschen Meisterschaft bin ich auch gestürzt. Du weißt, du kannst nicht mehr gewinnen. Und du musst doch hinterher. Du denkst, du stirbst, und kannst doch nur 50. oder 60. werden.
Schrecklich ist das. Ich bin nicht der Stärkste. Bei mir ist das wie bei meiner Mutter – mit Köpfchen kann ich doch gewinnen. Und wenn die anderen alle hinter einem sind, das ist das Schönste für mich.“
Moritz, der Rechner, hat als Schüler schon insgesamt 500 Euro an Preisgeldern gewonnen. Die Mama hat das verwaltet. Jetzt hat er sich dafür ein neues Handy gekauft. Auf dem kann er dann, wenn er beim Hinterherfahren mal wieder glaubt, zu sterben, sich seine Siege anschauen und so neu motivieren.
Moritz und auch Philipp Plambeck träumen davon, es zumindest in ein Continental-Team, sozusagen die Regionalliga des Profirennsports, zu schaffen. Die Gefahr, dass sie dabei abstürzen besteht sicher nicht – bei im Radsport so erfahrenen Eltern.
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