„Was tun, damit es der Seele besser geht?“

Maike Puchert geht von Bord: Die „NYK Vesta“ liegt auf ihrer Route zwischen Rotterdam und Singapur auch in Hamburg einige Stunden vor Anker. Fotos: Ulrike Schmidt
 
Informiert sich über den Duckdalben: Arnel C. Gregorio, Vollmatrose auf der „NYK Vesta“.

Reportage: Wie Seemannsdiakonin Maike Puchert den Seeleuten im Hafen helfen kann

Von Roger Repplinger.
Wir setzen die Helme auf und ziehen die Neonjacken an. Sind innen gefüttert, kein Fehler, ist frisch heute. Wir gehen zu einem kleinen roten Kombi. Steht „Hafenseelsorge“ drauf.
Maike Puchert hat ihr Büro im Seemannsclub Duckdalben der Deutschen Seemannsmission in Waltershof. Es gibt Wochen, da ist sie jeden Tag auf einem Schiff. Und Wochen, da ist sie ein Mal auf einem Schiff. Es gibt zehn Ehrenamtliche, die das auch machen. Die Konfession der Seeleute, die sie besucht, ist egal. „Wir nehmen die Seeleute, wie sie sind“, sagt Puchert, „Mission heißt für uns nicht missionieren, sondern Auftrag.“
Puchert, 27, hat 2004 im
Duckdalben ihr freiwilliges soziales Jahr gemacht, seit 2012 leitet sie als Diakonin die Seemannsmission.
Wir fahren zur „Amerdijk“. Ein Feeder. Bringt einen Teil der Container, die große Pötte in den Hamburger Hafen transportieren, in Häfen an der Ostsee. Puchert hat Telefon-, SIM-karten und Zeitungen dabei. Sie weiß über die Schiffsdatenbank und die Segellisten der Terminals, woher die Seeleute auf der „Amerdijk“ kommen: Russland, Ukraine und Philippinen. Segellisten: Die Sprache ist noch 19. Jahrhundert, der Rest nicht.
Die Vorstellung, dass vor Heimweh zerrissene Seeleute an der Diakonin Schulter weinen, ist nicht mal 19. Jahrhundert. Sondern Quatsch. Puchert nimmt sich nicht wichtig: „Das Schiff ist ein Arbeitsplatz, die Seeleute wohnen da. Wenn ich an Bord komme, ist viel los: Die Polizei ist da, eventuell der Agent, jemand von der Reederei, der Proviant muss an Bord, Ersatzteile, Inspektionen werden gemacht. Der Hafen ist Arbeit, mehr Arbeit als auf See. Ich koste Seeleute Zeit, da muss man gucken, ob es passt.“ Manchmal passt es, dann ist sie zwei Stunden an Bord, manchmal geht sie nach drei Minuten.
Auf der Fahrt zur „Amerdijk“ erklärt Puchert die drei Ansätze ihrer Arbeit: Wenn Schiffe im Hafen ankommen, die der Seemannsmission unbekannt sind, sollen die Seeleute den Hafen nicht verlassen, ohne dass sie von der Mission gehört haben. Puchert und die Ehrenamtlichen besuchen Schiffe wie die „Amerdijk“, die so wenig Zeit haben, dass die Besatzung nicht an Land geht, an Bord. Und es gibt den Fall, dass Schiffe von unterwegs bei der Mission anrufen, und sagen: „Wir brauchen dies, wir brauchen das.“ Dann bringt die Mission dies und das entweder an Bord, oder die Seeleute
holen ihre Bestellung im
„Duckdalben“ ab.
Wir tapsen die Gangway der „Amerdijk“ hoch. Oben steht ein junger Mann, wir tragen uns in eine Liste ein und bekommen einen Ausweis. Rodjon, 22, dritter Offizier, führt uns in die Messe. Puchert fragt, wie es ihm geht. „Danke“, sagt Rodjon. „Danke gut oder danke schlecht?“, fragt Puchert. Rodjon lacht: „Weiß ich nicht genau.“
Die „Amerdijk“ hat 14 Mann Besatzung. In der Messe stehen ein Brot- und ein Obstkorb, eine Thermoskanne Kaffee. Die „Amerdijk“ fährt Gdansk, Helsinki, St. Petersburg, Hamburg. Und zurück. Alle 13 Tage ist sie in Hamburg. Rodjon hat für sechs Monate angeheuert. „Vier hab ich“, sagt er. „Wann hast du als Seemann angefangen?“, fragt Puchert. Rodjon: „Vor zwei Jahren.“ Schon dritter Offizier. „Schnelle Karriere“, lobt Puchert. Rodjon ist Ukrainer. Sein Informationsstand über die politische Situation im Land sei „mehr oder weniger gut“, sagt er, „jetzt, im Hafen, besser.“ Im Fernsehen läuft Tennis.
Der Kapitän, Sergej Kurevlev, kommt vorbei, die Hände in den Taschen. Aber nur kurz. Dann räumt er die Messe auf. Gestern Abend sind sie angekommen, heute, am Nachmittag, voll beladen, legen sie ab Richtung Gdansk. „Wie war Weihnachten?“, fragt Puchert. „Nicht so gut, die ganze Nacht in St. Petersburg verholen“, sagt Kurevlev. Vom einem Teil des Hafens in den anderen fahren. Und Neujahr? „War gut. Keiner wollte was von uns. Drei Tage lang“, sagt Kurevlev.
Heute beschäftigt ihn die Frage: Nord-Ostsee-Kanal oder Skagen? In Brunsbüttel ist nur eine Schleuse offen. „Das nervt die Besatzung“, sagt Kurevlev. Lieber um die dänische Nord-küste herum, „findet die Besatzung“, sagt Kurevlev und lächelt.
Er ist vier Monate an Bord, die Filipinos neun. Ich ziehe die Augenbraue hoch. „Dir kommt das viel vor“, erklärt Kurevlev, „die Jungs sind froh. Weil es früher zehn Monate waren und davor zwölf.“ Die jüngste Veränderung brachte die „Maritime Labour Convention“, die April 2013 in Kraft trat.
Kurevlev, 41 Jahre alt, arbeitet seit neun Jahren für die Reederei, ist seit 22 Jahren Seemann, und seit November Kapitän der „Amerdijk“. Wenn er nicht auf See ist, hat er ein kleines Geschäft in Nordrussland. „Hamburg ist in Europa mit Rotterdam der schnellste Hafen“, sagt er, „aber Singapur, das kannst du dir nicht vorstellen.“
Nun kommen vier Filipinos in die Messe. Und der Koch, schwarzweiße Hose, Mütze: Wie aus dem Bilderbuch. Der Koch braucht Telefonkarten. Puchert holt sie aus der Tasche. Die anderen sitzen wie auf Kohlen. Denn eigentlich haben sie keine Zeit, Kurevlev hat sie herbestellt. Für uns. Wir halten sie nicht auf, wir müssen zur „NYK Vesta“.
Dort platzen wir in den Wachwechsel. Die Männer, die bis Zwölf Wache hatten, haben frei, die anderen fangen an. Arnel C. Gregorio, 34, ist Vollmatrose und zeigt mir auf der Karte die Route: Rotterdam, Le Havre, Suez-Kanal, Singapur. „29 Tage“, sagt Arnel. Er hat einen Vertrag über neun Monate. „Das ist sehr lang“, sagt er. Ich frag ihn, ob er Angst hat. „Ja“, nickt er, „weniger vor der Dauer, als vor der Küste Somalias.“ Dort sind immer noch Piraten.
Arnel hat bis 18 Uhr frei, dann muss er bis 22 Uhr arbeiten. Er kauft Telefonkarten, denn er kommt am Nachmittag in die „Duckdalben“, um zu hören, was zu Hause los ist.
„Was wir machen sieht klein aus“, sagt Puchert, als wir auf dem Weg von der „NYK Vesta“ zurück zu den Duckdalben sind, „aber es ist viel.“ Für sie heißt Seelsorge, „etwas tun, damit es der Seele besser geht“. Und wenn es der Seele besser geht, weil der Seemann Telefonkarten hat, um mit der Familie zu telefonieren, „dann ist das das Wichtigste“. Als wir am frühen Nachmittag die Duck-dalben verlassen, sitzen Seemänner in den Kabinen und telefonieren.
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