Vom Tatort ins Labor

Forensische Gesichtsrekonstruktion: Wenn die Verwesung einer Leiche bereits weit fortgeschritten ist, hilft nur noch eine Rekonstruktion.
 
„Rechtsmediziner sind nicht an der Verhaftung von Tatverdächtigen beteiligt, auch wenn sie nicht selten, zum Beispiel mittels DNA-Analyse, den entscheidenden Hinweis auf den Täter geben können“, erklärt Professor Heinz-Peter Schmiedebach.

Rechtsmediziner decken auf: Ein Besuch im Medizinhistorischen Museum Eppendorf

Sabine Deh.
Arglos öffnet Anna M. ihren Mördern die Haustür. Die beiden jungen Männer bitten sie höflich um Stift und Papier, um einer Nachbarin eine Nachricht zu hinterlassen. Während die Rentnerin in ihrem Wohnzimmer nach den gewünschten Utensilien sucht, schleichen sich die Männer von hinten an sie heran und schlagen ihr den Schädel ein. Mit dem Schauplatz dieses fiktiven Raubmordes beginnt die Ausstellung „Vom Tatort ins Labor - Rechtsmediziner decken auf“, die noch bis zum 20. April im Medizinhis-torischen Museum im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) zu sehen ist.
Es vergeht mittlerweile kein Abend, an dem das deutsche Fernsehpublikum sich nicht auf wenigstens einem TV-Sender ein „detailliertes“ Bild von der Arbeit der Rechtsmediziner machen kann. „Mit der Realität haben Serien wie CSI, Quincy oder Post Mortem allerdings nicht viel zu tun“, sagt Professor Dr. med. Heinz-Peter Schmiedebach, Direktor des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin am UKE, der die Ausstellung von der Berliner Charité nach Hamburg holte. In diesen Serien stöckeln schöne Frauen in tief dekolletierten Designerklamotten auf High-Heels durchs Bild und kontaminieren mit ihren frisch geföhnten Frisuren den Tatort. Sie obduzieren Leichen, erledigen die Arbeit im Labor und vernehmen ganz nebenbei auch noch Zeugen und Verdächtige.
„In Wirklichkeit sind Rechtsmediziner nicht an der Verhaftung von Tatverdächtigen beteiligt, auch wenn sie nicht selten zum Beispiel mittels DNA-Analyse den entscheidenden Hinweis auf den Täter geben können“, so Professor Schmiedebach. Es gäbe auch keine Computerprogramme, die innerhalb von 45 Minuten auf wundersame Weise einen Todesfall lösen. Statt dessen punkten die Experten mit Fachwissen. Mit Hilfe von Obduktionsbefunden und den Ergebnissen chemisch-toxikologischer Analysen oder mikroskopischer Untersuchungen machen sie sich ein klares Bild davon, was unmittelbar vor, während und nach dem Tode mit dem Betreffenden passiert ist. Rechtsmediziner sind Naturwissenschaftler, überwiegend Ärzte, aber auch Biochemiker, Chemiker und Biologen. Sie sammeln und liefern die Beweise dafür, ob das eine oder andere Szenario in einem gewaltsamen Todesfall wahrscheinlich ist oder ausgeschlossen werden kann. Die genaue rechtsmedizinische Rekons-truktion von Gewaltverbrechen ist darüber hinaus wichtig für die nachfolgende juristische Bewertung. Sei es, dass ein Täter zur Rechenschaft gezogen wird oder dass ein zu Unrecht Verdächtiger entlastet werden kann. Allerdings haben nur wenige Menschen außerhalb der Rechtsmedizin eine realistische Vorstellung davon, wie es im Alltag dieser Berufsgruppe tatsächlich zugeht. „Eines steht aber fest: Unser Arbeitsalltag ist wesentlich facettenreicher als der unserer Fernsehkollegen“, so Professor Dr. Michael Tsokos von der Berliner Charité, der an der Entwicklung der Ausstellung „Vom Tatort ins Labor“ maßgeblich beteiligt war.
Die Schau beginnt mit dem Tatort des fiktiven Mordopfers Anna M.. Ihre Leiche liegt gnädig mit einem weißen Laken bedeckt in einem Wohnzimmer. Lediglich die mit Stützstrümpfen bekleideten Füße und eine wächserne Hand lugen unter dem Tuch hervor. In Kopfhöhe deutet ein großer Blutfleck darauf hin, dass die alte Dame wahrscheinlich keines natürlichen Todes gestorben ist. Verschiedene Todesarten wie Brand, Schuss- und Stichverletzungen, Erhängen, Ertrinken und Unfälle werden dann im zweiten Teil der Ausstellung anhand echter Fälle dokumentiert. Hier sind auch Tatwaffen, Laborgeräte und Fotos einer Obduktion zu sehen. Dieser Bereich ist in dem ehemaligen Sektionssaal des UKE ausgestellt. Hier wird auch am Beispiel des verheerenden Tsunamis im Indischen Ozean von 2004 erklärt, wie Rechtsmediziner die Identifizierung unbekannter Leichen nach Naturkatastrophen vornehmen. Seit Oktober 2011 haben rund 7.000 Hamburger die Ausstellung besucht. „Ich finde die Ausstellung spannend und realistisch“, sagt Corinna Breitenbach nach ihrem Rundgang. Die junge Frau hat gerade eine Ausbildung als Krankenschwester beendet und will jetzt Medizin studieren. Der Anblick einiger drastischer Fotos und Exponate eignet sich allerdings nicht für Menschen mit zartem Gemüt, daher ist die Ausstellung nur Besuchern ab 16 Jahren zugänglich.
Weitere Infos stehen im Internet unter
www.uke.de/
medizinhistorisches-
museum.
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