Sturmflut 1962 in Harburg

Peter Kükels kämpfte im HEW-Kraftwerk vergeblich gegen die Wassermassen. Foto: tsilis

Peter Kükels (86) erinnert sich: "Unser Kraftwerk lief voll wie eine Badewanne"

Von Andreas Tsilis.
Mit einer solch zerstörerischen Gewalt hatte niemand gerechnet. „Von überall kam Wasser, ich wusste überhaupt nicht, was los war“, erinnert sich Peter Kükel. Im Winter 1962 hatte der HEW-Kraftwerker bereits etliche Schwerwetterlagen erlebt. Doch was der Blanke Hans am 16/ 17.Februar gegen Hamburg schleuderte, überstieg selbst das Fassungsvermögen des unerschrockenen, ehemaligen U-Bootfahrers.
Während gegen 13 Uhr auf St. Pauli der Fischmarkt geräumt und die Speicherstadt gesperrt wird, sitzt Kükel trocken und sicher im zweiten Stock seiner Wilstorfer Wohnung. Er hat Zeit. Seine Schicht als Hochdruckkesselfahrer beginnt erst um 22 Uhr. In Hamburg hat unterdessen die Feuerwehr bereits hunderte Einsätze gefahren. Ruhe bewahren bleibt die erste Bürgerpflicht, meinen die Behörden. Für den dreifachen Familienvater Kükel ist es die Ruhe vor dem Sturm. Was zum jetzigen Zeitpunkt keiner ahnt:
Es sind nur noch zwölf Stunden bis zum Totalausfall und zur Aufgabe des Kraftwerks an der Seehafenstraße. „Ich habe mitansehen müssen, dass unser Kraftwerk wie eine riesige Badewanne vollläuft“, schildert der 86-Jährige. Ruhig und bildhaft erzählt er von seiner Aufgabe, den Betrieb der Heiz-Turbinen aufrechtzuerhalten, was misslingt. „Die steigende Flut hat die Turbinenstahlrohre im Keller zum Platzen gebracht“, erzählt Kükel und erklärt: „Es ist, als ob man auf eine heiße Kochplatte pausenlos kaltes Wasser gießt.“
Um weitere Störungen und Explosionen an der 30 Millionen Watt-Anlage zu verhindern, müsste das hineinströmende Wasser unverzüglich abgepumpt werden. Aber wie? „Die Werksfeuerwehr steckte irgendwo in Hamburg fest.“ Seine einzige Chance: ein Fußmarsch zur Rettungswache Hastedtstraße. „Mir blieb keine andere Wahl, die Telefonanlage war zerstört, die Fahrt mit einem PKW unmöglich.“
Unter normalen Umständen braucht man für die 2,5 Kilometer circa 30 Minuten. Der erfahrene Ex-Seemann weiß nicht, wie lange er sich durch Sturm, Regen, funkenschlagende Hochspannungsleitungen und das bis zu einem halben Meter hohe Wasser gekämpft hat.„Ich war voll damit beschäftigt, mein Leben zu sichern.“
Innerhalb der Feuerwehren ist die Kommunikation zusammengebrochen. Kükel erfährt, dass kein Kontakt zu den Einsatzfahrzeugen besteht. Und er hört eine Aussage, die unglaublich klingt: „Sollte es brennen, können wir nicht löschen.“
Irgendwie wird ein Pumpenwagen organisiert. Doch es ist zu spät, das Kraftwerk ist komplett überflutet. Peter Kükel: „Gegen 01:30 Uhr wurde das Kraftwerk abgeschaltet.“ Seine Kollegen und er „helfen hier und dort über die Schichtdauer hinaus“. Nach drei, vier Tagen ist das Kraftwerk wieder aufgebaut und der gelernte Zimmermann Kükel krank. Wie viele andere Einsatzkräfte, Retter und Betroffene, spürt auch er erst jetzt Kälte, Müdigkeit und Erschöpfung. „Glücklicherweise kam im Kraftwerk niemand ernsthaft zu schaden.“


Bei der Sturmflut 1962 starben in Hamburg insgesamt 315 Menschen. Davon allein 222 in Wilhelmsburg, wo an mehreren Stellen marode Deiche brachen. Tote gab es auch in Waltershof (37), Neuenfelde (10) und Moorburg (5). Durch die großen Deichbrüche im Bereich der Süderelbe zwischen Neuenfelde und Harburg wurden auch weite Teile des zu Niedersachsen gehörenden Hinterlands überflutet. Besonders schwer betroffen war hier die Orte Rübke und Seefeld.
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