Reportage: Ein Puzzle mit 100.000 Teilen

Oft hilft es, sich am Muster zu orientieren: Karen Rüffer hält Ausschau nach einem Puzzleteil. Fotos: cvs
 
Eigentlich eine Lebensaufgabe: Hobby-Restaurator Rainer Manthey sortiert Fayence-Scherben nach Form, Farbe und Größe. Foto: cvs

Im Altonaer Museum setzen freiwillige Helfer uralte Scherben zusammen

Von Christopher von Savigny.
Dieses Puzzlespiel hat wohl weit über 100.000 Teile – ganz genau weiß das keiner. Ein Großteil davon lagert in Umzugskartons in einem dunklen Kellermagazin. Exakt 50 Kisten sind es, jede davon fasst rund einen halben Kubikmeter. Gelöst wurde das Legespiel noch nie. Dies scheint angesichts der Größe schier unmöglich, zumal auch noch jede Menge Teile fehlen.
Eine Gruppe Hamburger Pensionäre hat sich dennoch an die Aufgabe gemacht: Seit mittlerweile vier Jahren widmen sie sich mit unermüdlichen Fleiß einem Berg von Keramikscherben, die aus Hamburger Boden stammen. Jeden Dienstag zwischen 11 und 15 Uhr trifft sich ein Kern von sechs Ehrenamtlichen im Altonaer Museum, um zu puzzeln und zu sortieren. Besonders schnell geht das nicht: „Wenn wir an einem Tag vier passende Teile finden, ist das schon ein Erfolg“, sagt Teilnehmer Rainer Manthey. „Aber die Freude ist dann um so größer!“
Rund 200 Jahre alt sind die gebrannten Tonstücke, die Manthey und seine Mithelfer Woche für Woche von Verkrus-tungen befreien, inventarisieren und zusammenfügen. Sie stammen aus den Scherbengruben der Altonaer Fayencen-Manufaktur Meve, die bis Anfang des 19. Jahrhunderts Gebrauchskeramik und Ofenkacheln produzierte – im damals dänischen Altona. Die Adresse – Catharinenstraße 126 – existiert heute nicht mehr, an gleicher Stelle befindet sich inzwischen eine Schule. Auf die Scherben war man bereits Anfang der 60er Jahre bei Bauarbeiten gestoßen. Jetzt, 50 Jahre später, ergibt sich endlich die Gelegenheit, den Schatz zu sichten und aufzupolieren. Das restaurierte Geschirr soll nach Abschluss der Arbeiten im Altonaer Museum ausgestellt werden.
Momentan gleicht das Museumsmagazin jedoch noch einer riesigen Grabbelkiste: Auf einem zehn Meter langen Tisch haben die Freizeit-Restauratoren eine Masse von Scherben ausgebreitet – sortiert in große und kleine Stücke, Scherben mit und ohne Rand, mit Henkeln oder Griffen, blau oder braun gemustert. Trotz der Vorsortierung müssen die Helfer Sisyphos-Arbeit leisten. „Die Ausgrabungen wurden nicht archäologisch dokumentiert“, berichtet Museumsrestauratorin Andrea Borck. „Es ging ja damals um einen Erweiterungsbau der Haspa. Als man dann die Scherben gefunden hat, hat man sie einfach in Kisten gepackt. Wahrscheinlich landete ein Teil sogar im Bauschutt.“ Fazit: Es fehlen wichtige Informationen darüber, wo und in welcher Erdschicht die Bruchware genau lag. Dieses Manko macht das Kollektiv durch Berufserfahrung und professionelle Aufgabenteilung wieder wett: Karen Rüffer, ehemalige Geschichtslehrerin, durchforstet alte Schriften – teils in Sütterlin oder auf Dänisch – nach nützlichen Hinweisen, die frühere Restauratorin Rosel Plöger kratzt Scherben mit dem Skalpell sauber und der pensionierte Ethnologe Wolfram Schleif sammelt und archiviert. Eigentlich, sagt Schleif, sei er quasi immer noch berufstätig: „Denn ob man Knochen oder Scherben zusammensetzt, ist im Grunde dasselbe.“
Der Begriff „Fayence“ leitet sich von der norditalienischen Stadt Faenza ab, im späten Mittelalter einer der bedeutendsten Produktionsorte dieser Keramiksorte. Die weiße Grundfarbe des Geschirrs kam durch eine Zinnoxid-Glasur zustande und sollte an das ungleich kostbarere Porzellan erinnern. Anschließend wurde der Untergrund farbig verziert. Typisch für die Manufaktur Meve ist ein stilisiertes Altona-Wappen, bestehend aus drei Spitzen, das sich mitten im Geschirrmuster wiederfindet. Andere Hersteller dagegen kratzten ihr Logo einfach in die unglasierte Bodenfläche. Verkauft wurde die Ware ins europäische Ausland – auch Hamburg gehörte dazu.
Für eine Ausstellung reicht der restaurierte Fayencen-Schatz mittlerweile. „Wir machen weiter, so lange es uns Spaß macht“, sagt Karen Rüffer. „Letzten Endes entscheidet die Museumsleitung, ab wann sie unseren Arbeitsraum wieder für andere Dinge benötigt.“
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1 Kommentar
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Joachim Büchelmaier aus Altona | 24.01.2012 | 10:35  
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