Redet miteinander !

Der Harburger Flaneur beobachtet
beim Busfahren

Es gibt einen melodramatischen Streifen vom spanischen Filmemacher Pedro Almodovar, der heißt „Sprich mit ihr“. Eine Stierkämpferin hat einen schweren Unfall und liegt bewusstlos im Krankenbett. Ihrem Freund wird gesagt, „Sprich mit ihr!“. Auch wenn sie anscheinend weit weg ist, nimmt sie es wahr, und es hilft ihr, den Kontakt zu den Lebenden und Gesunden wieder aufzunehmen.
Szenenwechsel. Wir stehen zu siebt an einer Bushaltestelle in der Heimfelder Straße in Harburg. Der Bus kommt und kommt nicht. Niemand redet mit irgendjemandem. Der Flaneur, ein Engländer, denkt an eine Haltestelle in seiner Heimatstadt. Unmöglich, so zu stehen und dass niemand mit niemandem redet.
Aber nach Jahren in Deutschland (insgesamt 30) hat der Flaneur noch nie erlebt, dass an einer deutschen Bushaltestelle jemand das Gespräch sucht. Nicht mit hochkarätigen Themen, versteht sich. Eine Bemerkung zum Wetter, zum Beispiel. Oder zum HVV, warum der Bus jetzt ausbleibt. Oder dass der Unratbehälter überquillt. Nichts. Kein Smalltalk. Nichts.
Woher, fragt sich Ihr Flaneur, kommt diese selbstverordnete Einsamkeit? Wir verlangen nicht, dass unsere Mitwartenden für uns die Probleme des Lebens lösen oder großartig darstellen, warum die Politik so einen Murks macht. Nur ein kleiner menschlicher Kontakt, der das Leben zwei oder drei Minuten lang ein wenig wärmer, ein wenig menschlicher darstellt!
Der Bus kommt. Jeder steigt brav vorne ein und zeigt seine Fahrkarte, was der Busfahrer mit einem müden Kopfnicken quittiert. Auch von ihm (oder ihr) kein Wort. Es ist entsetzlich. Aber hier ist es Alltag. Jeder eingeschlossen in seinem eigenen Kopf.
Und die Fahrt ereignet sich genau so schweigend.
Ah, Deutschland, du Land der Rätsel!


Kolumne
Regelmäßig schreibt der Harburger Flaneur im Elbe Wochenblatt am Wochenende. Unserem Spaziergänger fällt einiges auf: In dieser Folge erzählt er von seinen Eindrücken beim Warten auf den Bus.
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