Menschen in Not brauchen eine Unterkunft

Gesehen in Harburg: Eine Flüchtlingsfamilie vor ihrer (Behelfs-)Unterkunft. Inzwischen wurden leerstehende Baumärkte und Büro- gebäude in Unterkünfte umgewandelt. Foto: lenthe
 
Birgit Müller, Chefredakteurin der Obdachlosenzeitung Hinz & Kunzt. Foto: c.m.braun

Dazu gehören Flüchtlinge ebenso wie Obdachlose
- Interview mit Birgit Müller, Chefredakteurin Hinz & Kunzt

Harburg hilft!  Viele Engagierte haben sich zusammengefunden, um Flüchtlinge in den zahlreichen Harburger Unterkünften zu unterstützen. Gut so! Aber es gibt auch Hilfsbedürftige, deren Schick-sal etwas aus den Blickfeld verschwunden ist: die Obdachlosen. Leerstehende Baumärkte und Bürogebäude werden hergerichtet, eigentlich sollte hierzulande jeder unter einem Dach in einem warmen Bett schlafen können, egal ob Flüchtling oder Obdachloser.
Ein Sonnabend Ende Oktober: In der Heimfelder Straße, in der Nähe des Penny-Markts am S-Bahnhof, schläft ein Obdachloser. Besorgte Anwohner informieren die Polizei.
Die lässt sich Zeit. Nach einer gefühlten Stunde erscheint ein Streifenwagen. Die Beamten wecken den Obdachlosen und schicken ihn weg. Die Notunterkunft am Bahnhof Harburg ist voll, das Winternotprogramm hat noch nicht begonnen.
Kommentar eines Anwohners (Name der Redaktion bekannt) auf www.elbe-wochen blatt.de: „Wäre dieser Obdachlose ein Flüchtling/Asylant, wäre er sofort in eine Unterkunft oder ein Erstaufnahmelager gebracht worden. Es ist beschämenswert, dass dem Hamburger Senat Flüchtlinge/Asylanten wichtiger sind als die Obdachlosen in der Stadt. Würde man den Obdachlosen genauso viel Aufmerksamkeit schenken, dann gäbe es in der Stadt keine Obdachlosen mehr...“
Im Ton grenzwertig formulierte Gedanken, die aber auch andere Leser zum Nachdenken anregen. „Es stimmt, plötzlich zeigt sich, was alles geht, wenn die Stadt denn mal will. Dass sie bei den Obdachlosen jahre- und jahrzehntelang nicht wollte, ist ein Trauerspiel, das vielfach in den Medien und von ehrenamtlichen Initiativen beklagt wurde...Was natürlich nicht hilft, ist eine hilfsbedürftige Gruppe gegen die andere auszuspielen“, urteilt etwa die Harburgerin Kirsten Niemann.
Die Wilhelmsburgerin Beate Bär meint: „So schreibt jemand, der bei Facebook gegen Flüchtlinge hetzt. Na schönen Schrank auch. Plötzlich interessieren sich die besorgten Bürger für Obdachlose. Übrigens kann man sich für beide engagieren. Tue ich auch.“
Für Christian Nobel ist der Fall klar: „Ich hätte nicht gedacht, dass Sie mit Ihrem Blatt braunen Schergen eine Plattform bieten, um deren Ansichten unter die Menschen zu bringen und möglicherweise die sowieso schon aufgeheizte Stimmung noch mehr anzustacheln.“



Interview mit Birgit Müller (Hinz & Kunzt)
1. Hamburg unternimmt große Anstrengungen, um für die ankommenden Flüchtlinge Wohnunterkünfte zu finden. Das Thema Obdachlosigkeit ist in den Hintergrund gerückt. Welche Auswirkungen hat das für Obdachlose in Hamburg?
Wir finden es toll, dass Hamburg so viele Anstrengungen unternimmt, um die Flüchtlinge unterzubringen, allerdings mehr schlecht als recht. Trotzdem zeigt das Ergebnis, was alles möglich ist, wenn man nur will. Die Obdachlosen sind nicht durch die Flüchtlinge in den Hintergrund gerückt. Sie waren einfach nie so im Vordergrund. Wir haben die Hoffnung, dass genau das sich jetzt ändert: Der Fokus einer ganzen Stadt ist jetzt darauf gerichtet, Menschen, die sich in höchster Not befinden, unterzubringen. Und dazu gehören auch Obdachlose.

2. Wie viele Schlafplätze stehen im WInternotprogramm zur Verfügung? Wie viele wären Ihrer Ansicht nach nötig?
Tatsächlich ist das Winternotprogramm mit 890 Plätzen noch größer als schon im vergangenen Jahr. Allerdings gehen wir davon aus, dass derzeit rund 2.000 Menschen auf Hamburgs Straßen Platte machen. Es ist deutschlandweit das größte Winternotprogramm. Allerdings ist es deshalb so groß, weil die Unterkünfte quasi verstopft sind. Dadurch, dass es zu wenige bezahlbare Wohnungen gibt, hängen Tausende von Menschen in Unterkünften fest, die längst einen Anspruch auf eine Wohnung hätten.

3. Wird die Schaffung von Schlafplätzen für Obdachlose mit der nötigen Intensität verfolgt?
Nein. Wir fordern, dass es endlich auch eine Priorität haben muss, Obdachlose unterzubringen. Der politische Wille dazu war auch vor der Ankunft der Flüchtlinge nicht vorhanden. Wir hoffen, dass das sich jetzt ändert – gerade wegen der Flüchtlinge.

4. Stimmt der Vorwurf, dass Flüchtlinge besser behandelt werden als Obdachlose?
Trotz aller beispielhafter Hilfe: Den Flüchtlingen und den Obdachlosen geht es derzeit schlecht. Und es gibt ein Maß an Schlecht, da will man nicht mehr von besser oder schlechter reden. Können wir noch über Konkurrenz reden, wenn die einen draußen schlafen müssen und die anderen in einem Riesenzelt ohne Heizung? Wie es tatsächlich geschehen ist. Da kann man doch nicht ernsthaft neidisch aufeinander sein. Beides muss sich schleunigst ändern.
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2 Kommentare
8
Ivana Nochi aus Harburg-City | 18.11.2015 | 17:44  
12
Jens Bend aus Eissendorf | 23.11.2015 | 09:28  
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