„Mensch ist Mensch, ob Christ, Moslem oder Jude“

Die Schülerinnen der Klasse 8tp der Goethe-Schule-Harburg haben für ihre Projektarbeit unter anderen mit dem ehemaligen Lehrer und Mitglied der Harburger Initiative Gedenken in Harburg, Klaus Möller, gesprochen. Fotos: wahba
 
Enise (v.l.), Moesha, Duygu und Zeinab schneiden ihren Film über Harburgs letzten Rabbiner Alfred Gordon (v.l.).

Schüler der Goethe-Schule-Harburg eine Woche auf Spurensuche
zum Thema „Der letzte Rabbiner Harburgs“

Von Rachel Wahba.
Moesha, Enise, Duygu und Zeinab sitzen am Laptop und diskutieren gerade darüber, mit welcher Musik sie ihren fünfminütigen Film unterlegen wollen. Dass der Videoclip Musik braucht, um richtig auf den Zuschauer zu wirken, darüber sind sich die 14 Jahre alten Schülerinnen der Goethe-Schule-Harburg völlig einig.
Die Mädchen haben den Film inzwischen so geschnitten, wie er auch im Internet veröffentlicht werden soll. Ihr Thema: der letzte Rabbiner von Harburg, Alfred Gordon. Er hatte sich geweigert, vor den Nazis ins Ausland zu fliehen und seine Gemeinde in Harburg im Stich zu lassen. Das bezahlte er – deportiert am 25. Oktober 1941 - mit dem Tod im KZ in Lodz (Polen).

„Alfred Gordon
war ein Held“

Die Mädchen hatten eine Woche lang Zeit für ihr Projekt. Sie filmten sich vor dem Haus in der Hastedtstraße 42, in dem der Rabbi lebte und vor dem heute ein Stolperstein mit seinem Namen ins Pflaster eingelassen ist. Für ihren Film holten die Mädchen Klaus Möller von der Initiative Gedenken in Harburg vor ihre Kamera und interviewten ihn zu Alfred Gordon. Ihr persönliches Fazit aus einer Woche Projektarbeit: Alfred Gordon war ein Held, „weil er seine Leute nicht im Stich gelassen hat“, sagt Moesha.
Eine Woche lang waren die Mädchen und ihre Klassenkameraden der Klasse 8 tp (Theater der Persönlichkeiten) auf den Spuren jüdischen Lebens in ihrem Bezirk unterwegs. Fünf Gruppen erarbeiteten fünf Themen zum jüdischen Leben im Bezirk Harburg. Sie besuchten den jüdischen Friedhof und das, was noch von der alten Synagoge an der Knoopstraße, Ecke Eißendorfer Straße übrig geblieben ist, haben einen Film über das Mahnmal Am Sand. Sie haben sich die Schule in Hamburg angesehen und ausprobiert, wie koschere Gummi Teddys schmecken.

www.geschichtomat.de

Veröffentlicht werden die Arbeiten der Jugendlichen aus der Goethe-Schule-Harburg auf
der Webseite www.geschichto mat.de vom Institut für die Geschichte der deutschen Juden in Hamburg. Aus allen Videos, Fotos und Texten – erstellt von Hamburger Schülern - entsteht ein digitaler Stadtplan zur jüdischen Geschichte der Stadt.
Zum ersten Mal haben sich jetzt Harburger Schüler an dem von der Reinhard Frank Stiftung finanzierten Projekt beteiligt. Und in Harburg konnten sie aus dem Vollen schöpfen. „Harburg hat eine sehr belebte jüdische Geschichte, mit einer eigenen Gemeinde, einem eigenen Friedhof und den Phoenix-Werken, gegründeten von den jüdischen Cohen-Brüdern. Ziel ist es, den Schülern lebendige Geschichte nahe zu bringen und ihnen zu zeigen, dass es nicht nur eine jüdische Geschichte zwischen 1933 und 1945 gab“, sagt Dr. Carmen Smiatacz vom Projektbüro Geschichtomat des Hamburger Instituts.
Smiatacz ist vor Ort und unterstützt die Schüler bei ihrer Arbeit. Bei ihrer Recherche fanden die Schüler der Klasse 8tp bei einem Interview mit dem Harburger Historiker Dr. Christian Gotthardt heraus, dass bis heute das Schicksal der Cohen Brüder nicht aufgeklärt werden konnte. Albert und Louis Cohen gründeten 1856 die „Fabrik zur Herstellung von Gummischuhe und vulkanisiertem Gummi“ – die spätere Phoenix AG.
In der achten Klasse der Goethe-Schule werden Jugendliche aus 13 verschiedenen Nationen unterrichtet. Jeder Schüler habe, so Klassenlehrerin Natalie Wohlgemuth, seine eigene Geschichte.

„Wir haben
vieles gelernt“

Und das mache die Jugendlichen „offen für die Geschichten anderer Menschen“. Wohlgemuth – sie hat die Initiative zu der Mitarbeit an dem Hamburger Projekt gestartet - und ihre Kollegen Tina Göke und Stephan Stöcker sehen dieses Projekt als sinnvolle Ergänzung zum Geschichtsunterricht. Auf dem Lehrplan steht zwar die Zeit des Nationalsozialismus‘. Das jüdische Leben vor und nach dem Holocaust aber steht in keinem Lehrplan.
„Wir haben sehr vieles gelernt. Wir haben auch die jüdische Schule in Hamburg gesehen. Dort werden die Kinder von der Polizei beschützt, und man kommt nur mit dem Schülerausweis rein. Das kennen wir nicht. In unsere Schule kommt jeder rein. Aber wir verstehen es, dass die Menschen Angst haben“, erzählten Kajal und Marwa.
Das persönliche Fazit der beiden 13 Jahre alten Schülerinnen aus der Projektwoche: „Unsere Meinung ist: Mensch ist Mensch, ob Christ, Moslem oder Jude.“

Hintergrund
Das Hamburger Institut für die Geschichte der deutschen Juden wurde 1966 gegründet und beschäftigt sich als erste Forschungseinrichtung in Deutschland ausschließlich mit der deutsch- jüdischen Geschichte. Mit dem Geschichtomat entsteht ein digitaler Stadtplan auf den Spuren jüdischer Kultur in der Hansestadt.
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