Integration beginnt hinter den Elbbrücken

United we stand: Acht aus dem Trainerteam der Veddeler mit Präsident Sedat Cukadar (vorne r.), neben ihm Ceyda Tüfekci, sie trainiert die E-Jugend. Foto: stahlpress medienbüro

Kicker aus 21 Herkunftsländern in einem Verein: Der FC United Veddel etabliert sich

Von Volker Stahl.
Wer auf der Veddel lebt, hat es nicht leicht. Die einzige Apotheke im 4.700 Einwohner zählenden Hamburger Stadtteil hat vor kurzem aufgegeben, die ärztliche Versorgung ist schlecht, ein Penny ist der einzige Supermarkt, und der Bahnhofskiosk ersetzt die Post.
Trotz der schlechten Infrastruktur lassen die Bewohner auf den 4,5 Quadratkilometer großen und von langen vier- und fünfgeschossigen Backsteinreihen geprägten Stadtteil nichts kommen. „Die Veddel ist wie ein kleines Dorf, jeder kennt jeden, man hilft sich gegenseitig“, erklären Annegret Buthmann und Dogan Karman fast wortgleich. Beide engagieren sich im Anfang 2013 gegründeten und seit November 2014 als gemeinnützig anerkannten Stadtteilverein FC Veddel United, dem heute mehr als 100 Mitglieder angehören.
Buthmann ist Platzwartin auf dem Gelände an der Slomanstraße. Der 27-jährige Karman ist einer von zwölf Trainern. Er coacht die A-Jugend. Insgesamt nehmen sechs Jugendteams am Spielbetrieb des Hamburger Fußballverbands (HFV) teil. Eine Herrenmannschaft befindet sich in Gründung und geht zu Beginn der Saison 2015/16 in der Kreisklasse an den Start.
Auf dem von dem Grafiker Goran entworfenen Wappen des Klubs prangen die Elb-
brücken. Dass es diesen Klub überhaupt gibt, ist das Verdienst von Sedat Cukadar. „Ich wollte etwas Neues schaffen“, sagt der 44-Jährige, der seine Fußballstiefel früher für Viktoria und den SV Wilhelmsburg in der Bezirks- und Landesliga geschnürt hat. Wie viel Zeit und eigenes Geld er bisher in den Verein gestopft hat, will Cukadar, der sein Geld als Kraftfahrer bei der Stadtreinigung verdient, nicht verraten. Ziel des zweifachen Familienvaters war es, den Kindern im strukturschwachen Viertel zu einer sinnvollen Freizeitgestaltung zu verhelfen, die nicht viel kostet.

Nach dem Training gibt’s
eine warme Mahlzeit

„Bei uns zahlen alle Mitglieder sechs Euro im Monat, das kann sich fast jeder leisten.“ Nur bei jugendlichen Asylsuchenden aus der benachbarten Flüchtlingsunterkunft An der Hafenbahn drückt der Vorsitzende, der auch die Mitgliedsbeiträge eintreibt, ein Auge zu. „Wovon sollen die das bezahlen?“, sagt er und zieht die Schultern hoch. Für die „Jungs“ aus Somalia oder Afghanistan, die als unbegleitete Flüchtlinge teilweise auf abenteuerlichem Weg nach Deutschland gekommen sind, organisiert er auch Buffer und Klamotten.
Der junge Verein ist in Sachen Integration durch Sport mittlerweile ein wichtiger Faktor im Stadtteil. Doch ganz ohne Unterstützung durch Sponsoren geht es nicht. Deshalb ist Cukadar froh, mit dem Kupferkonzern Aurubis ein ortsansässiges Unternehmen gefunden zu haben, das die Arbeit des Vereins in den kommenden drei Jahren mitfinanziert. Kürzlich übergaben Firmen-Mitarbeiterinnen Trikots, Hosen, Stutzen und Trainingsanzüge an alle Kinder und Jugendliche im Club. „Es macht einfach Spaß, hier mitzuerleben, wie spielerisch und erfolgreich Integration vorangetrieben wird“, erklärt Aurubis-Sprecherin Michaela Hessling das Engagement.
Ein besonderer Ruf eilt dem Verein voraus: Sedat Cukadar bereitet nämlich nach dem Training gemeinsam mit seinem Bruder Selcuk, der im Restaurant der Ballinstadt als Koch arbeitet, allen Spielern eine warme Mahlzeit zu. Denn in der Vergangenheit war es schon mal vorgekommen, dass hungrige Jugendliche beim intensiven Training auf dem staubigen Grandplatz an der Slomanstraße schlapp gemacht haben. Diese Kinder freuen sich nun über das Essen nach dem Sport. Gleichzeitig sollen sie lernen, was gesunde Ernährung ist. „Wir verwenden viel Obst und Gemüse, wenig Fleisch“, sagt Selcuk Cukadar. Das Projekt „United kocht“ startet jeden Dienstag und Donnerstag nach dem Training und wird in diesem Jahr vom Bezirksamt mit 8.000 Euro unterstützt. Ob die Gelder 2016 weiter fließen, ist allerdings noch offen.

Zwei 17-jährige Flüchtlinge
aus Somalia spielen mit

Die Veddel ist ein bunt gemischter Stadtteil mit Menschen aus 35 Ländern. Von diesen Ländern sind 21 bei United vertreten. „Die Nationalität spielt im Verein aber keine Rolle“, betont Platzwartin Annegret Buthmann. Seit kurzem trainieren an der Slomanstraße zwei 17-jährige Flüchtlinge aus Somalia mit. „Die Jungs waren ein Jahr alleine unterwegs, bis sie hier gelandet sind“, erzählt Dogan Karman, der die beiden unter seine Fittiche genommen hat. „Wenn man sich deren Geschichte anhört, kommt man mit ganz anderen Welten in Berührung. Da begreift man erst, wie unglaublich gut es uns hier geht.“ Doch auch unter sportlichen Gesichtspunkten macht dem jungen
Coach der Umgang mit den A-Jugendlichen Spaß: „Mich reizt die Arbeit im Jugendbereich, weil man aus den Spielern noch viel rausholen kann.“
Ein Mädchenteam existiert im Verein allerdings noch nicht. Bis auf Ceyda Tüfekci, die früher beim Eimsbüttler TV in der Kreisliga gekickt hat, gibt es kaum Aktive im Viertel. „Die Mädchen hier interessieren sich zwar für Fußball, aber selbst spielen wollen sie eher nicht“, bedauert Karman. Die 18-jährige Ceyda, die die E-Jugend im Verein coacht, ist bisher eine Ausnahme: „Ich mache das wirklich gerne.“ Wer weiß, vielleicht kann der smarte Teenager mit der positiven Ausstrahlung ja noch andere Mädchen zum Mitmachen in dem reinen Fußballklub animieren.


Claudia Wagner-Nieberding ist Präsidiumsmitglied für gesellschaftliche und
soziale Verantwortung im Hamburger Fußball-Verband


Frau Wagner-Nieberding, wie bewerten Sie das Engagement des FC Veddel United?
Die Aktivitäten des Vereins und seines Vorsitzenden Sedat Cukadar sind bewundernswert und können gar nicht hoch
genug bewertet werden –
besonders wenn man die Rahmenbedingungen einbezieht, innerhalb derer der FC Veddel United agiert. Mich persönlich freut und beeindruckt es immer wieder zu sehen, was Menschen mit vergleichsweise wenigen Mitteln zu bewegen vermögen und wie sie sich für eine Sache einsetzen. Und das in Zeiten, in denen ehrenamtliches Engagement immer schwerer mit dem Beruf zu vereinbaren ist. Ich kann nur sagen: Toll, und weiter so!
Ist der Verein ein heißer
Kandidat für den
Integrationspreis des HFV?
Auf jeden Fall sollte der FC Veddel United sich bewerben! Sinn und Zweck des Integrationspreises ist es ja gerade, dem besonderen integrativen Engagement unserer Vereine – sei es nun innerhalb oder auch außerhalb sportlicher Angebote – Anerkennung zu verleihen. Unabhängig davon ist ein Engagement im Bereich der Integration immer wert, dass die Jury es genauer kennenlernt und sich damit befasst.
Integration durch Sport –
wie funktioniert das?
Genau genommen enthält die Integration durch Sport zwei Komponenten. Durch Integration in den Sport sollen Menschen anderer kultureller oder ethnischer Herkunft zur Teilnahme am Sportgeschehen und zur Mitgliedschaft in einem Sportverein bewegt werden. Durch die Förderung der Teilhabe am Sport können persönliche und gesellschaftliche Entwicklungen gefördert werden. Dadurch wiederum werden Möglichkeiten für soziale und kulturelle Integration eröffnet. Die Chancen für erfolgreiche Integration durch Sport stehen gerade für den Fußball gut, denn Fußball gehört nicht nur in Deutschland, sondern weltweit zu den beliebtesten Sportarten.
Welche Akzente wollen Sie demnächst setzen?
Wir möchten uns noch aktiver für die Teilhabe von Vereinen mit überwiegend Menschen anderer kultureller und ethnischer Herkunft am Verbandsleben einsetzen. Diese Aufgabe wird federführend vom Kommissionsmitglied Murat Yilmaz wahrgenommen. Ein anderer Bereich, in dem der HFV einen Akzent setzen wird, ist die Integration von Flüchtlingen in und durch den Fußball. Eine von mehreren zukünftig durchgeführten Maßnahmen ist ein niedrig- schwelliges Fußballangebot gemeinsam mit dem DFB-
Integrationspreisträger Zweikampfverhalten e.V. in einer zentralen Erstaufnahmeeinrichtung im Mai. Darauf bin ich schon sehr gespannt.

INTERVIEW VOLKER STAHL
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1 Kommentar
6
Sedat Cukadar aus Veddel | 31.05.2015 | 13:44  
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