„Ich will mein altes Leben zurück“

Die Mutter eines Kita-Kindes erzählt vom Streik – aus ihrer Sicht

Von Julia Vellguth

Ich will nicht jammern. Und ich weiß, dass ich besser mit meinem Kind auf die Straße gehen und die Erzieherinnen meines Sohnes beim Demonstrieren unterstützen sollte. Ich finde auch, dass ihre Arbeit mehr wertgeschätzt werden sollte. Aber ich tue das schon lange! Spätestens am Ende von Streik-Woche drei weiß ich: Ich habe nicht das Zeug zur Erzieherin, ich bin einfach nur eine Mutter, die ihr altes Leben zurück haben möchte.
Montag zu Oma, Dienstag zu Opa ... Möglichkeiten ausgeschöpft. Ich arbeite viel zu Hause – aber mit Kita-Kind, das lieber in der Kita als bei mir zu Hause wäre, das jeden Tag nach dem Kindergarten fragt? Unmöglich. Ich kann mir nicht frei nehmen, denn ich bin mein eigenes Unternehmen. Heißt für mich: abends arbeiten.
Mein Mann nimmt sich zähneknirschend drei Tage frei – vorverlegte Urlaubstage. Immerhin bietet sein Arbeitgeber eine Kinder-Notbetreuung an. Aber mit meinem Sohn, der nicht nur auf seinen täglichen Ablauf in der Kita, sondern auch auf seine Therapien wie Logopädie und Ergotherapie verzichten muss? Unmöglich.
In der Kita finden sich Eltern zusammen, die wechselseitig auf ein paar Kinder aufpassen wollen. Eine selbst organisierte Notbetreuung. Aber mit meinem Sohn, den man schon gut kennen muss, um mit ihm klar zu kommen, der Probleme mit Veränderungen hat und der einen langen und steinigen Weg der Entwicklung hinter sich hat? Unmöglich.
Ich bin keine Erzieherin, und ich bin keine Therapeutin. Deshalb hoffe ich, ich kann meinem Sohn während des Streiks bieten, was er im Alltag nicht viel hat: Zeit mit seiner Mama. Endlich kommt er in den Genuss eines Großeinkaufs, zu dem ich ihn sonst ungern mitnehme. Er muss jede noch so langweilige Erledigung mitmachen. Und er erlebt, dass seine Mama das erste Mal richtig froh ist, dass er so viele Spielsachen zu Hause hat.
Die Kita bietet jetzt eine Notbetreuung an. Zwei Erzieherinnen sollen da sein. Die Kita sammelt Interessenten, dann werden Kinder ausgewählt. Aber wählen sie meinen Sohn, der beim Spiel viel Anleitung braucht, gern Quatsch macht und beim kleinsten Misserfolg laut wird? Sicher nicht.

Letzte Info: Die Elbkinder-Kitas haben mit der Gewerkschaft Verdi eine Notdienstregelung vereinbart, die ab Freitag, 5. Juni, gelten soll.
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