Harburg fährt Rad

Buntes Treiben: Der St.-Pauli-Fischmarkt kurz vor dem Start der Critical-Mass-Tour. Fotos: cvs
 
Treuer Critical-Mass-Fan: Harald aus Ottensen nimmt seit zwei Jahren regelmäßig an dem Rad-Event teil.

Unterwegs mit der „Critical Mass“ - Polizei ermittelt gegen Harburger „Veranstalter“

Von Christopher von Savigny.
Harburg ist Niemandsland – aus Radfahrersicht jedenfalls. Dieser Eindruck drängt sich auf, wenn man Radler aus dem Hamburger Süden zu ihren Erfahrungen befragt. „Eine
Katastrophe“, sagt Fahrradfahrerin Christiane. „Ich bin täglich auf der Winsener Straße unterwegs zur Arbeit“, berichtet sie. Dort gebe es noch nicht einmal einen Radweg. „Autofahrer hupen einen an oder überholen ganz knapp. Man hat das Gefühl, Verkehrsteilnehmer zweiter Klasse zu sein!“
Die Harburgerin ist zusammen mit einer Gruppe von Pedalrittern aus ihrem Stadtteil unterwegs zur „Critical Mass“, einem friedlichen Fahrrad-Protestzug, der einmal pro Monat irgendwo in der Hamburger Innenstadt startet. Der Name der vor gut 20 Jahren in den USA entstandenen Veranstaltung weist auf die Zahl der Radler hin, die nötig sind, um auf der Straße als geschlossener Verband zu gelten. Bei 16 Teilnehmern liegt die „kritische Masse“ laut Straßenverkehrsordnung. Dann darf man ungestraft nebeneinander fahren und sogar bei Rot über die Kreuzung – vorausgesetzt, der erste im Pulk hatte noch grünes Licht.

Das Rad braucht wenig Platz


Die Gruppe aus Harburg zählt insgesamt nur zwölf Personen und darf sich daher noch nicht als Verband mit Sonderrechten fühlen. Das macht aber nichts, denn der Weg nach Hamburg führt größtenteils über die neuerdings sehr fahrradfreundliche Elbinsel Wilhelmsburg. Dort gibt es dank der im letzten Jahr zuende gegangenen Gartenschau (igs) lauter herrliche, frisch geteerte Radwege, die sich ganz prima befahren lassen. Autos sieht man dagegen fast gar keine. Einmal quer über das ehemalige igs-Gelände führt die Route, am malerischen Reiherstieg entlang, über die Fahrradbrücke an der Klütjenfelder Straße bis zum Alten Elbtunnel.
Offiziell wollen die Teilnehmer, die sich gegenseitig mit dem Vornamen und per Du anreden, nicht demonstrieren, sondern ganz einfach für das Fahrrad als umweltfreundliches und praktisches Verkehrsmittel werben.
Allerdings klingen die Aussagen teils doch sehr Autofahrer-kritisch: „Autos sind nicht mehr zeitgemäß“, sagt zum Beispiel Malte, ein Schüler, der auf seinem Lastenfahrrad eine kleine selbst gebaute Musikanlage spazierenfährt. „In der Stadt ist das Rad wesentlich schneller und braucht außerdem weniger Platz!“ Andreas, sportlicher Helmträger, lebt in einem autofreien Haushalt. „Erst gestern hat mir ein Laster die Vorfahrt genommen“, sagt er. „Wenn ich nicht aufpassen würde, hätte mich schon längst einer platt gefahren!“ Nur Rennradfahrer Peter (alle aus Harburg), der täglich auf dem Drahtesel unterwegs ist und für den 50 Kilometer „eine Kurzstrecke“ sind, will seine Teilnahme nicht als politisches Statement verstanden wissen. „Ich bin jetzt das dritte Mal dabei, und es hat mir jedesmal gut gefallen“, berichtet er. „Viele Leute, lustiges Event!“
Nun ist es fast geschafft: Nach einer kurzen Fahrt durch den Alten Elbtunnel erreicht die Gruppe den St.-Pauli-Fischmarkt, wo bereits Hunderte von Critical-Mass-Teilnehmern auf den Startschuss warten. Laut Polizei lag die Anzahl der Mitradler an diesem letzten Freitag im September bei 1.700 Personen. Im Mai dieses Jahres war mit über 5.000 Teilnehmern der bisherige Höchstwert erreicht worden. In Harburg, wo vor gut zwei Monaten ein eigenes kleines Critical-Mass-Event gestartet ist, gab es zuletzt 56 Teilnehmer – immerhin. Damit ist auch im Süden ein Anfang gemacht!
Von der Hamburger Polizei waren die friedlichen, aber unangemeldeten Radel-Demos bislang stets wohlwollend begleitet worden – nun scheint sich jedoch der Wind zu drehen. „Bei Critical Mass handelt es sich im rechtlichen Sinne um eine Versammlung, die bei der Behörde angemeldet sein muss“, sagt Pressesprecherin Ulrike Sweden.
Die Folgen bekommt nun ausgerechnet ein Harburger zu spüren: Nach einem Artikel in der Hamburger Morgenpost hat das Landeskriminalamt den Rönneburger Hans Dittmer als Zeugen vorgeladen. Dittmer hatte auf der Seite vogteistrasse.wordpress.com einen informellen Artikel zum Thema Critical Mass Harburg geschrieben.


Critical Mass
Die Straßenverkehrsordnung sieht vor, dass mehr als 15 Radfahrer als geschlossener Verband gelten und unter Einhaltung der Verkehrsregeln auf der Fahrbahn fahren dürfen (§ 27 Abs. 1 StVO). Dieser geschlossene Verband bewegt sich als „kritische Masse” durch die Stadt, so wie es täglich Millionen Verkehrsteilnehmer in Hamburg auch tun.
Die Critical Mass ist eine Form des Straßenprotests, mit dem Radfahrer darauf aufmerksam machen möchten, dass sie ebenso wie motorisierte Fahrzeuge Teil des Straßenverkehrs sind.
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2 Kommentare
17
Enrico Meyer aus Rönneburg | 02.10.2014 | 18:39  
6
Jörg Maltzan aus Wilhelmsburg | 03.10.2014 | 11:00  
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