Grüne Steine, Elefanten: Schach wie in Addis Abeba

Die erst sechsjährigen (!) Spielerinnen Ananya Mathapati (l.) und Vindhya Srinivasa, die beide auch am Senterej-Turnier teilgenommen haben, unter dem Bild der Kaiserin Taytu Betul, der das Heimfelder Turnier gewidmet worden ist. Foto: Claudia Smilari

An der Schule Grumbrechtstraße fand ein Jugendturnier
im geheimnisvollen Senterej statt

Von René Gralla.
Afrika ist bekannt für seine Superlative, im Guten wie im Negativen. Aber was bisher nur eine Handvoll Experten gewusst hat: Aus Afrika stammt auch ein wichtiger Beitrag zur Schachkultur, weil Äthiopien eine eigene Version des königlichen Spiels hervorgebracht hat: das geheimnisvolle „Senterej".
Diese exotische Variante der Mattjagd hat nun an der Integrativen Heimfelder Grundschule Grumbrechtstraße ihre Deutschland-Premiere gefeiert. Schachlehrer Jürgen Woscidlo organisierte dort ein Senterej-Turnier, das der äthiopischen Kaiserin Taytu Betul (1851-1918) gewidmet war. Da die Herrscherin auch als Militärführerin brillierte - sie half ihrem Mann, dem Kaiser Kaiser Menelik II., bei Adwa 1896 ein italienisches Expeditionskorps zu besiegen -, schätzte sie zeitlebens das traditionelle Senterej ihrer Heimat.
Das Besondere am Senterej: Zu Beginn einer Partie dürfen die Spieler ihre Figuren, zu denen unter anderem Elefanten statt Läufer zählen, nach Gutdünken bewegen, ohne auf die Antwort des Gegners warten zu müssen. Diese oft ziemlich wilde Phase, das „Werera", endet erst, sobald ein Stein geschlagen und vom Brett entfernt wird.
Nach entsprechend fetzigen Duellen setzte sich im „Kaiserin Taytu Betul Memorial 2016" am Ende der neunjährige Adriano Americo mit einem halben Punkt Vorsprung durch gegen seinen schärfsten Verfolger, den gleichaltrigen Elefterios Petridis.
Die Kids schrieben an der Grumbrechtstraße auf diese Weise zugleich moderne Sportgeschichte: Denn aus seinem Herkunftsland ist Senterej vor 80 Jahren praktisch verschwunden, als Kollateralschaden der zweiten italienischen Invasion 1936.
Entsprechend enthusiastisch fielen die Kommentare zum Heimfelder Senterej-Revival in Fachwelt und äthiopischer Diaspora aus. Der englische Professor Richard Pankhurst, der seit Jahrzehnten dafür kämpft, das Kulturerbe der einstigen ostafrikanischen Monarchie vor dem Vergessen zu bewahren, schick-te eine E-Mail direkt aus Addis Abeba und lobte die „dramatische Vision" der Veranstaltung.
Und ein Großneffe des letzten äthiopischen Kaisers Haile Selassie, der jetzt in Deutschland lebende Prinz Asfa-Wossen Asserate, beglückwünschte die junge Truppe von der Grumbrechtstraße in einem Grußwort dazu, „einen wunderschönen Teil der äthiopischen Kultur" wieder zurückgebracht zu haben.
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