Geht der Charme des Binnenhafens verloren?

Werner Haye und Uve Mahlfeld, die Laubenpieper vom Kaufhauskanal, möchten weiterhin auch „im Grünen leben“. Foto: A. Tsilis

„Dem Fortschritt kann sich der kleine Mann nicht entgegen stemmen“

Von Andreas Tsilis.
Gedankenverloren sitzt Peter Kottke vor seinem Kiosk am Kanalplatz, Ecke Blohmstraße. Ununterbrochen donnern schwere Brummis aus Polen, Litauen und Deutschland vorbei, Richtung Schloßinsel. Die wird bis 2013 umgestaltet zu einem modernen Wohnpark inklusive eigener Marina (Stadthafen). „Sie wollen mir nur was entlocken“, nörgelt Kottke auf einmal, „ so wie viele Zeitungstypen vorher“ – und dann wird der 71-Jährige unvermittelt melancholisch: „Dem Fortschritt kann sich der kleine Mann ohnehin nicht entgegen stemmen.“
Kottke weiß, wovon er spricht. Seit über zwei Jahren hangelt sich der Pächter von „Hamburgs wohl ältester Seltersbude“, von Monat zu Monat. Das städtische Filet-Grundstück soll verkauft werden, „eine Entscheidung könnte in den nächsten drei Monaten fallen“, dringt es aus dem Bezirksamt. Kottke haut das nicht um, zu oft hat sich der gelernte Koch, Gastronom und Kioskpächter neu orientieren müssen.
Irgendwie erinnert sein Leben damit auch an die Identitätssuche des Binnenhafens, der nach zwei Jahrhunderten wechselhafter Industrie-, Hafen- und Dienstleistungswirtschaft zu „anspruchsvollen Wohn-, Arbeits- und Erlebniswelten mit 1 A-Lagen am Wasser“, umgebaut wird. Kottke rätselt, ob er dies gut oder schlecht finden soll, „verändern muss sich was und der Bau des Channel war ja auch eine tolle Sache.“
Am Kaufhauskanal versuchen Uve Mahlfeld und Werner Haye derweil mit dem Strukturwandel klarzukommen. Ob verschwundener Hafenschipper, abgerissenes Wiegehaus, gefällter Baum oder weggezogener Eisvogel; für die beiden ehemaligen Brennstoff-Fahrer und Laubenpieper offenbart sich Fortschritt in fortschreitender Abwesenheit von althergebrachtem.
„Geschichte ist Identität“, mahnt Gorch von Blomberg von der Geschichtswerkstatt. Deren Mitglieder wollen verhindern, dass der Binnenhafen zur reinen Spiegelfläche von Städte-Architektur wird. Aus den Unternehmenszentralen der IBA Hamburg und des Projektentwicklers Aurelis heißt es dazu schlicht: Der „historische Charme solle bewahrt“, „Hafenwurzeln sichtbar bleiben“. Peter Kottke lässt das kalt.
„16 Uhr – Feierabend“, sagt er und macht die Schotten dicht.
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Petra Weinstein aus Harburg | 04.12.2012 | 15:05  
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