Ein Kind zur Pflege? So sollte es ablaufen!

Um ein Pflegekind anvertraut zu bekommen, müssen die Pflegeeltern „eigentlich“ jede Menge Nachweise erbringen, dass sie dafür überhaupt geeignet sind. Foto: sl

Eine Harburger Pflegefamilie erzählt - zuständig ist hier allerdings das Jugendamt Bergedorf

Von Sabine Langner/Olaf Zimmermann.
Das kann doch nicht sein!“. Fassungslos verfolgen Kerstin und Christian Müller (Namen von der Redaktion geändert) die Berichte über Chantal aus Wilhelmsburg, die an einer Methadon-Überdosis gestorben ist. Kerstin und Christian sind Pflegeeltern eines fünfjährigen Jungen. Mit acht Wochen kam der kleine Ali in die Familie. Bis es so weit kam, musste sich das Harburger Paar in jeder Beziehung überprüfen lassen.
Wir haben seitenlange Fragebögen ausgefüllt“, erinnert sich Kerstin. „Wir mussten unser ganzes Leben aufschreiben. Ob wir Erfahrungen mit Drogen oder mit Alkohol haben, ob es Gewalt oder sexuellen Missbrauch in unseren Familien gab.“ Dazu kamen ein polizeiliches Führungszeugnis und ein Gesundheitszeugnis.
Christian musste Gehaltsnachweise beibringen. Mitarbeiter des Vereins „Pfiff“ haben die Familie zu Hause besucht und geprüft, in welchen Verhältnissen das Pflegekind wohnen wird. Die beiden leiblichen Söhne des Paares wurden befragt, ob sie damit einverstanden sind, dass noch ein Kind in die Familie kommt. Und schließlich wurden Kerstin und Christian auch noch an zwölf Abenden im Umgang mit Pflegekindern geschult.
Auch nach fast fünf Jahren gibt es noch regelmäßige Überprüfungen. Einmal im Jahr findet ein so genanntes Hilfeplangespräch statt, bei dem die leibliche Mutter, die Pflegeeltern, ein Vertreter des Jugendamtes und ein Mitarbeiter des Vereins „Pfiff“ gemeinsam über das Kind sprechen. „Einmal im Monat veranstaltet Pfiff zudem eine Art Elternabend, bei dem die Eltern verschiedener Pflegekinder sich austauschen“, berichtet Christian. „Und alle sechs Monate kommt jemand bei uns vorbei und schaut sich um, ob es dem Jungen gut geht.“
Zuständig für die Familie ist das Jugendamt Bergedorf, weil die leibliche Mutter des Kindes dort wohnt. Mit dem Amt hat Familie Müller allerdings relativ wenig zu tun, weil fast alles über den Verein Pfiff läuft.
Dass Chantal als Pflegekind in einer Familie mit drogenabhängigen Eltern landen konnten, verstehen Kerstin und Christian nicht.
„Ich kann mir nur vorstellen, dass zwischen Theorie und Praxis erhebliche Lücken auftauchen“, sagt Christian. „Ein Heimplatz kostet die Stadt Hamburg rund 5.000 Euro. Pflegeeltern bekommen so etwa 800 Euro. Damit spart die Stadt 4.200 Euro für jedes Kind, dass in einer Pflegefamilie unterbringen wird.“

Hintergrund
In jedem Hamburger Bezirksamt gibt es einen Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD). Zu dessen Aufgaben gehört es, Kinder vor Gefährdungen zu bewahren und Eltern bei der Erziehung ihrer Kinder zu beraten und zu unterstützen. Im Bezirksamt Harburg schreiben ASD-Mitarbeiter, meist aus Süderelbe, regelmäßig „Überlastungsanzeigen“. Da kann es dann schon mal ein paar Tage dauern, ehe beispielsweise eine weinende Frau, die auf den Anrufbeantworter gesprochen hat, zurückgerufen wird.
Durch eine Überlastungsanzeige wird den Vorgesetzten mitgeteilt, dass die Arbeit nicht zu schaffen ist und deshalb eine unmittelbare erhebliche Gefahr besteht. Doch selbst dann behalten die ASD-Mitarbeiter weiter ihre Garantenstellung. „Sie bleiben immer mit verantwortlich“, so Harburgs Personalrat Hans-Jürgen Meyer. Kein Wunder, dass es beim ASD eine „hohe Fluktuation“ gibt.
Wer ist in Harburg dafür zuständig, Kinder in Pflegefamilien unterzubringen? Das Jugendamt oder Freie Träger? Beatrice Göhring: „In Harburg nimmt nur das Jugendamt Platzierungen von Pflegekindern vor.“ Mit der Verlagerung von Zuständigkeiten an Freie Träger wird zwar die Arbeit weggeben, aber auch die Verantwortung? „Wer Träger beauftragt, ist auch verantwortlich, den Träger zu überprüfen“, urteilt Personalrat Hans-Jürgen Meyer.
Als Chantal zu ihren Pflegeeltern nach Wilhelmsburg kam, war der Bezirk Harburg nicht zuständig. „Das Kind lag zu keinem Zeitpunkt in unserer Zuständigkeit“, so Bezirksamtssprecherin Petra Schulz. „Zu konkreten Fragen wird sich das Bezirksamt nicht äußern. Zur Zeit werden Akten geprüft, das kann mehrere Wochen dauern.“ Im Bezirk Harburg gibt es 167 Pflegekinder.
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