„Diese Keime werden zur Volksseuche“

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Alle Hände voll zu tun hatten die Helfer bei der Evakuierung des Altenheims an der Rennkoppel. Foto: sl

Knapp 20 Altenheimbewohner aus Heimfeld kommen mit multiresistenten Keimen ins Krankenhaus

von Sabine Langner, Harburg
Bei der Evakuierung des Altenheims in der Rennkoppel aufgrand eines Bombenfundes in Heimfeld am 13. Juni kam es ans Licht: Knapp 20 der 235 Bewohner waren mit hochansteckenden multiresistenten Keimen infiziert und wurden nicht mit den anderen in der Turnhalle des Heisenberg-Gymnasiums untergebracht, sondern mussten ins Krankenhaus.
20 von 235 Bewohnern – eine hohe Zahl? Maike Völkel, Leiterin der Pflegen & Wohnen-Einrichtung winkt ab. „In den letzten zehn Jahren sind diese multiresistenten Keime schon relativ normal geworden. Je älter die Menschen werden, desto eher siedeln sich die Keime an, und von allein gehen die leider auch nicht wieder weg.“ Anstecken könne sich jeder, aber auch jeder könne Überträger dieser Keime sein, so Völkel weiter. Viele Bewohner würden diese Keime allerdings nach Krankenhausaufenthalten mitbringen.
Das bestätigt auch Ines Theis, Leiterin der Seniorenresidenz am Sand. Hier leben 168 Bewohner, davon sind momentan vier mit den Keimen infiziert. Theis: „In Dänemark gehört es inzwischen zum Standard der Krankenhäuser bei jedem eingelieferten Patienten, ein Screening zu machen, ob eine Infektion vorliegt. Das ist hier leider noch nicht üblich, und so passiert es immer wieder, dass Bewohner mit Keimen aus dem Krankenhaus zurückkommen.“ Das Problem für die Pflegeeinrichtungen sei es, „diese Patienten wieder zu sanieren“, so Theis weiter. „Sie müssen in Extra-Zimmern isoliert werden, und das Personal muss bei jedem Gang ins Zimmer einen Schutzanzug anziehen, der anschließend sofort entsorgt werden muss. Das ist teuer und aufwändig.“ Inzwischen gäbe es Arbeitsgruppen, die sich mit dem zunehmenden Problem beschäftigen. „In diesen Kreisen sitzen Mitarbeiter von Pflegeinrichtungen zusammen mit Ärzten, Krankenhausmitarbeitern und Mitgliedern der Pflegekonferenz, und wir versuchen Lösungen zu finden“, sagt sie.
Eine der Lösungen könnte laut Jens Störtebecker, Chef der Seniorenresidenz am Frankenberg die strenge Einhaltung von Hygienevorschriften sein. „Wir haben rund 220 Bewohner, die alle gesund sind. Treffen kann es natürlich jeden, aber ordentliches Händewaschen bringt schon viel. Grundsätzlich entwickeln sich diese Keime langsam zur Volksseuche“, sagt er.


Info: Wie entstehen multiresistente Keime?
Die multiresistenten Keime, auch Krankenhauskeime genannt, verursachen Infektionen, gegen die die herkömmlichen Antibiotika nichts ausrichten können. Diese aggressiven Keime gehen mit Vorliebe an Menschen mit einem geschwächten Immunsystem und können im schlimmsten Fall tödlich enden. Für die in den letzten zehn Jahren rasant angestiegene Gefahr durch diese Keime gibt es mehrere Ursachen: Experten machen einerseits Ärzte dafür verantwortlich, die schon bei kleinsten Infektionen Antibiotika verschreiben. Die übliche Praxis, Antibiotika in der Tiermast in großen Mengen einzusetzen, ist ein zweiter Faktor. Über das Fleisch nimmt jeder Verbraucher auch gleich eine Dosis Antibiotika mit auf. Eine Studie des Bundesministeriums für Landwirtschaft hat nachgewiesen, dass Antibiotika auch in Getreide und Gemüse lauern. Hier landen sie, weil die Ausscheidungen des Mastviehs als Gülle auf den Feldern verwendet werden. Das Resultat ist, dass viele Keime inzwischen resistent gegen herkömmliche Antibiotika sind. Das Robert-Koch Institut geht von 500.000 bis 800.000 Menschen aus, die sich jedes Jahr in Deutschland infizieren. Behandelt werden können die Patienten nur mit sehr aufwändigen Methoden. Dazu gehört unter anderem, sie zu isolieren, damit sie andere nicht anstecken können. Das Wichtigste ist jedoch die absolute Einhaltung der strengsten Hygienevorschriften. SL
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