„Die Kluft zwischen Harburgern und Gilde überwinden“

Ulf Schröder, scheidender König der Harburger Schützengilde, blickt auf eine bewegte Amtszeit zurück. Foto: max

Gildekönig Ulf Schröder spricht über seine Amtszeit
und über die Fortschrittlichkeit der Gilde

Von Andreas Tsilis.

Was war das schönste Erlebnis als König, was das schlimmste?
Das schönste Erlebnis war der gelungene Winterball mit 700 Gästen und das protokollarische Procedere dazu. Das war einmalig. Nicht schön war der Presserummel im Zusammenhang mit meiner Homosexualität: So wurden in einem bekannten Boulevardblatt Dinge berichtet, die falsch waren.

Ein schwuler König der Schützengilde: Das sollte heutzutage eigentlich nichts Besonderes mehr sein, war es dennoch außergewöhnlich?
Ich bin der erste schwule König der Schützengilde, aber nicht der erste Schwule in der Gilde. Ich werde als Ulf Schröder wahrgenommen und an dem gemessen, was ich tue, nicht was ich bin.

Was unterscheidet den Privatmann Ulf Schröder vom König Ulf Schröder?
Gar nichts. Man sollte sich niemals verstellen, man sollte immer der sein, der man von Haus aus ist.

Worauf sind Sie als König
besonders stolz?
Dass ich die Gilde ein Stück weit in die Zukunft führen konnte. Vor den Zeiten des Internets war die Gilde ein funktionierendes Netzwerk verschiedenster Berufsstände, sowas wie ein Wirtschaftsverein. Es ist mir ein inniges Bedürfnis, dass Gilde und Schützenvereine wieder an ihre früher gelebte Tradition und Solidarität anknüpfen. Dass beispielsweise einige Schützenvereine und die Gilde nach Jahren des Streits wieder an einem Tisch sitzen, gibt mir ein gutes Gefühl.

Wie war das „Königsvolk“
zu Ihnen in Ihrer Amtszeit?
Offen, ehrlich und geradeaus.

Treten Sie beim diesjährigen Vogelschießen erneut mit dem Ziel an, König zu werden?
Nein, eine aufeinanderfolgende Königswürde wäre auch durch unsere Satzung ausgeschlossen. Traditionell gibt der bestehende König immer den ersten Schuss ab, ich werde aber nicht auf den Rumpf schießen. Das Ziel, ein zweites Mal Gilde-König zu werden, möchte ich aber nicht für alle Zeiten ausschließen.

Was werden Sie vermissen, wenn die Königswürde wegfällt?
Ein Gildekönig, der keine Funktion mehr hat, fällt in ein tiefes schwarzes Loch, sagt man bei uns. Für mich gilt das nicht, ich bin in mehreren Schützenvereinen massiv aktiv. Außerdem will ich der Gilde meine Dienste zur Verfügung stellen.

Was bedeutet Ihnen als
Wahlmünchener eine Stadt wie Harburg?
Harburg ist meine Heimat, sie liegt mir näher als alles andere. Ich bin hier mit 16 Jahren in die Gilde eingetreten, auch weil es mein Wunsch war, einmal im Leben König der Harburger Schützengilde zu werden.

Was unterscheidet einen Münchner Gildekönig von
seinem Harburger Pendant?
Es gibt im bayrischen Schützenwesen kein Schützenfest und dergleichen. Der König hat dort auch nur sehr eingeschränkte Repräsentationsaufgaben. Öffentlich tritt er nur einmal in Erscheinung, nämlich beim Oktoberfest-Umzug. In München schießt man den König im Clubhaus aus, dann gibts die Königskette für ein Jahr umgehängt, das wars.

Wie sieht die Zukunft der Gilde aus?
„Frauen in die Gilde“ ist eine Sache, die wir angehen sollten. Quasi vor unserer Haustür macht uns die Buxtehuder Schützengilde erfolgreich vor, wie sich so etwas umsetzen lässt. Eine „offene Flanke“ ist das Thema Jugend-
arbeit innerhalb der Gilde. Wir müssen verstärkt auf junge Leute zugehen. Eckhard Mißfeld hat dafür eine Menge getan, dass wir junge Mitglieder haben und halten. Auch unser 1.Patron Enno Stöver ist sehr engagiert. Darauf können wir stolz sein. Neben dem Verjüngen der Gilde ist es wichtig, dass sich auch unser Vogelschießen wandelt. Der neue Standort auf dem Rathausplatz bietet dafür eine Chance.

Welche Änderungen wird es dieses Jahr beim Vogelschießen geben?
Nach dem Vogelschießen bleibe ich für eine Woche trotzdem noch König der Gilde. So etwas gab es in der fast 500-jährigen Geschichte der Gilde wohl noch nicht. Denn der König wird erstmalig nicht beim Vogelschießen ausgeschossen, sondern erst eine Woche später, am 27. Juni.
Wie geht man als Gilde-König mit Rebellion um?
So etwas gab es nicht, nein, der Punkt ist ein anderer. Wir müssen die Kluft zwischen Harburgern und Gilde überwinden, und uns zusätzlich dem Thema Migration stellen. Wir sollten Harburger mit fremdländischen Wurzeln für unser Brauchtum begeistern und sie anregen mitzumachen.
Anders als in anderen Bundesländern, können bei uns auch Leute mit Migrationshintergrund König werden. Was gibt es Fortschrittlicheres?
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