„Die geben sich Mühe“

Kioskbesitzerin Marlies Kurtz fühlt sich für die Schulkinder im Phoenix-Viertel verantwortlich. Foto: Tsilis

Phoenix-Viertel ab Mitte 2015 nicht mehr Sanierungsgebiet –
Ist dann im Quartier alles in Ordnung?

Von Andreas Tsilis.
Mitte 2015 hat es sich im Phoenix-Viertel formell aussaniert. Zehn Jahre lang hat sich dann die steg (Stadterneuerungs- und Stadtentwicklungsgesellschaft) darum gekümmert, die Wohn- und Lebensqualität im Viertel zu steigern. Erreicht wurde einiges: Fast jedes dritte Wohngebäude ist modernisiert, preiswerter Wohnraum sichergestellt, das Umfeld wurde aufgewertet.
Allein letztes Jahr investierten private Grundeigentümer knapp 2,5 Millionen Euro, um ihre Immobilie auf Vordermann zu bringen. „Die von der steg geben sich Mühe“, das hört man im Viertel in diesen Tagen häufiger und es klingt nach Kompliment und Resignation - eine absurde Situation. Mancher möchte hier wohnen bleiben, will aber gleichzeitig weg. Kioskbesitzer und Hauseigentümer Peter Wagenknecht: „Am liebsten würde ich verkaufen.“
Als Vermieter hatte er seine liebe Not, Mietnomaden loszuwerden. Die Hausfassade erneuert er nicht mehr, sie wurde immer wieder beschmiert.

Kasse machen
durch Überbelegung

Der Eigentümer redet sich in Rage. Es gäbe Bekannte aus der Nachbarschaft, die würden nur noch an Deutsche vermieten.
Einige Vermieter hätten mit der sozialen Struktur vermutlich weniger Probleme und würden Kasse machen. „Überbelegung“, das Wort kursiert zwischen Beckerberg und Baererstraße, Lassallestraße und Kalischerstrasse. Einen Steinwurf entfernt sitzt eine nachdenkliche Marlies Kurtz in ihrem Verkaufsladen ohne Namen. Seit 24 Jahren betreibt sie ihren Kiosk in der Maretstraße, in letzter Zeit denkt auch sie ans Aufhören. „Irgendwann ist es genug, bloß was wird dann aus den Schulkindern, die ihre Caprisonnen und Brote bei mir bekommen?“
Wie es um das Miteinander bestellt ist, sieht auch die Postzustellerin jeden Tag. Briefkästen, an denen manchmal bis zu zehn unleserliche Namen stünden oder mutwillige Zerstörungen von Blumenbeeten – manche machen deshalb eine erfolgreiche Aufwertung des Viertels vorrangig am Bekämpfen von Auswüchsen fest.
Für Andree Müller ist einiges besser geworden, der moderne Bolzplatz, von dem er als Kind immer geträumt hat, die Verschönerung der Schul- und Hausfassaden. Dennoch singt auch der selbstständige Bautischler aus der Kalischerstrasse kein Loblied auf zehn Jahre Sanierungsträgerschaft.
120 Jahre benötigte eine Dachgeschoßwohnung seines Mehrfamilienhauses keinen Notausstieg. Dann musste er das für eine vierstellige Summe nachholen. Heute lacht er darüber. Vielleicht ist Humor ein Weg, um manche Absurdität im Sanierungsgebiet Phoenix-Viertel zu verstehen.

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