„Das System taugt nichts“

Zwölf Hamburger Schulen nutzen derzeit den umstrittenen Fingerscan. An der Schule Kapellenweg wurden die Geräte bereits wieder abgebaut. Foto: people & projects

Schulessen: Umstrittener Fingerscan für Schüler ist an der Schule Kapellenweg längst wieder abgeschafft

Erst den Fingerabdruck einscannen lassen, dann gibts für die Schüler Mittagessen. Hamburgweit beherrscht dieses Thema die Schlagzeilen, nur an der Wilstorfer Grundschule Kapellenweg ist es längst erledigt. „Das Verfahren war ein völliger Schuss in den Ofen“, sagt Schulleiterin Sabine Halbrock, „nach eineinhalb Tagen haben wir das wieder eingestellt.“
298 Schüler besuchen die Grundschule am Kapellenweg. Davon bleiben rund 170 ganztags und essen in der Schule. Über die Frage, wie das Mittagessen und dessen Abrechnung organisiert werden kann, wurden Eltern in Briefen informiert, auch auf einem Infoabend stand das Thema im Mittelpunkt. Schulleiterin Halbrock: „Im Ergebnis waren bei uns alle Eltern für die Fingerscans.“
Anfang April wurde das von der Firma People & Projects entwickelte Verfahren erstmals ausprobiert. „Schon beim ersten Tag in der Praxis haben wir gesehen, dass das System nichts taugt“, so Sabine Halbrock. Erst musste ein Mitarbeiter abgestellt werden, der nach jedem Scan auf die „Enter“-Taste drückte, dann erschien auf der Anzeige immer häufiger „error“ - und nichts ging mehr. Sabine Halbrock: „Die Warteschlange wurde immer länger, die Pause und die Zeit fürs Essen immer kürzer. Deshalb haben wir den Test abgebrochen.“
People & Projects-Sprecher Philip Tonne entgegnet: „„In der Schule gibt es Tischeindeckung mit zwei Kräften, für die Bedienung des Terminals wäre eine dritte Kraft notwendig gewesen. Dafür wurden keine Mittel zur Verfügung gestellt. Deshalb wurde das Terminal nur zwei Tage genutzt, und wir haben es dann wieder abgeholt.“
Jetzt wird mit täglich aktualisierten Listen aus Papier gearbeitet. An Hand der Listen wird kontrolliert, welche Schüler für das Essen angemeldet sind. „Das funktioniert wunderbar“, freut sich die Schulleiterin.
Die Fingerscanner wurden schon vor Monaten wieder abgebaut.


Zwei Drittel der Hamburger Grundschüler essen mittags in der Schule. Bargeldlose Bezahlsysteme, ob mit Chipkarte, Fingerscan oder Essensmarken, ermöglichen sozial gestaffelte Essenspreise, ohne dass sich Kinder beim Bezahlen am Tresen als sozial benachteiligt „outen“ müssen.
Behördensprecher Peter Albrecht: „Schule und Eltern entscheiden an jeder Schule eigenverantwortlich über den Caterer und das Bezahlsystem.“ Nach Auskunft der Schulbehörde wird der Fingerscan derzeit an zwölf Hamburger Schulen eingesetzt. Zumindest in einer Schule wurden dabei auch Fingerscans von Kindern, deren Eltern dies nicht erlaubt hatten, genommen.
Der Hamburger Datenschutzbeauftragte steht dem umstrittenen Verfahren skeptisch gegenüber. Dessen Sprecher Arne Gerhards sagt: „Durch die Quittierung des Mittagessens durch biometrische Daten ist zu befürchten, dass die alltägliche Verwendung der biometrischen Daten ein Gewöhnungseffekt und ein Gefühl der Normalität bei den Kindern entstehen lässt. Das könnte dazu führen, dass Kinder und Jugendliche ihre unveränderlichen, biometrischen Daten und damit einen Teil ihrer Identität unkritisch immer dann preisgeben, wenn es gefordert wird.“ oz
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1 Kommentar
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Henrik Friske aus Heimfeld | 20.08.2013 | 10:12  
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