Allein in einem fremden Land

Gemeinsam lernen für eine bessere Zukunft: Seyed und Nikhil aus Afghanistan, und Mohammed aus Mazedonien (v.li.) zusammen mit ihrem Lehrer Heiner Orgass (2.v.li.) Foto: sl

Wie Seyed (16) aus Afghanistan nach Harburg kam

Von Sabine Langner.
"Ich habe nicht gewusst, dass ich so lange weggehe. Sonst hätte ich mehr eingepackt als nur ein paar Klamotten.“ Zwei Jahre war Seyed unterwegs - von Afghanistan nach Hamburg. Seit einem Jahr geht der heute 16-Jährige in Harburg zur Schule. Er lernt fleißig, will Abitur machen und später als Buchhalter arbeiten. Aber er vermisst seine Familie, seine Mutter und seine Geschwister. Seit drei Jahren hat er nichts von ihnen gehört. Hat kein Foto und keine Adresse mehr, wo er sie erreichen könnte.
Seyed war 13 Jahre alt, als seine Welt in Trümmer fiel. Extremisten töteten seinen Vater. Aus Angst, dass ihrem Sohn das gleiche Schicksal ereilen könnte, gab Seyeds Mutter einer Schlepperorganisation Geld, und der Junge stieg in einen Lastwagen Richtung Iran. Zu Fuß und mit Pferd und Wagen ging die Reise weiter über die Türkei nach Griechenland.
Mit dem Schiff fuhr der Junge von dort nach Frankreich. Auch dort wollte man ihn nicht haben und schickt ihn weiter nach Holland. Nach einem halben Jahr in einem Flüchtlingslager in den Niederlanden ging die Reise weiter nach Hamburg. Hier lebt er seit einem Jahr in einer Wohngemeinschaft als so genannter minderjähriger unbegleiteter Flüchtling.
„Es geht mir gut“, sagt er. „Ich habe einen Pass für sechs Monate und ich hoffe, dass der auch noch verlängert wird. Ich wünschte nur, ich könnte meiner Mutter sagen, dass es mir gut geht“.
Seyed hat keine Chance, seine Familie zu finden. Er lebt in einer Welt mit E-Mails, Briefen, Telefon und Internet, aber seine Stadt in Afghanistan ist wie abgeschnitten von der Welt. „Über Facebook hat er inzwischen seine Großmutter in Berlin gefunden“, erklärt sein Lehrer Heiner Orgass, „aber sehen kann er sie nicht, weil sie in einem anderen Bundesland lebt.“
Der beste Freund von Seyed ist Nikhil (15). Auch Nikhils Vater wurde getötet. Er ist gemeinsam mit seiner Mutter und einem kleinen Bruder geflohen. „Mein großer Bruder wollte eigentlich nachkommen, aber wir haben ihn seitdem nicht mehr gesehen“, berichtet er traurig. Nikhil ist Hindu. In Afghanistan hätte er sich kaum mit Seyed anfreunden dürfen. „Doch jetzt sind wir Brüder“, sagen die beiden.
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