Abenteuer für die Augen

Eine Ampel beweist ungeahnte Tücken, wenn man sie nicht sehen kann und stattdessen erfühlen muss.
 
Ganz und gar orientierungslos bahne ich mir mit dem Stock den Weg – und drifte mehr und mehr ab. Fotos: ch

Reportage: Blind durch Hamburg – ein Erfahrungsbericht

Von Sascha Lucks.
Ich kenne meine Stadt wie meine Westentasche ­– dachte ich. Bis ich eine Blindenführung durch Altona hinter mir hatte. Bei diesem Selbsttest kann man als Sehender erleben, wie es ist, mit Blindheit zu leben und umzugehen.
Eine Handvoll Menschen versammelt sich auf dem Platz der Republik. Der freiberufliche Mobilitätstrainer Oliver Simon, baumgroß und gut gelaunt, begrüßt die Gruppe rund um Hamburgs Grünen-Vorsitzende Katharina Fegebank, die der anstehenden Erfahrung offensichtlich mit einem mulmigen Gefühl begegnet. Zweierpärchen sollten gebildet werden, pro Team gibt es eine Augenbinde. Einer bekommt die Augen verbunden, der andere führt.
„So einen Sichtschutz bräuchte man bei ‘Wetten, dass...?!’, denke ich mir, als ich mir die schwarze Schaumstoff-Binde über den Kopf streife: absolute Finsternis, als hätte jemand das Licht ausgeknipst. Ob meine Augen nun offen oder geschlossen sind, macht keinen Unterschied.
Mit vorsichtigen Schritten gehe ich los. „Warum gehst du denn so langsam?“, fragt mich meine Begleiterin Christiane immer wieder. Langsam? So wie ich hier umhertaumele, bin ich doch alles andere als langsam! Ich fühle mich wie bei einer Achterbahnfahrt im Dunkeln.
Wir nähern uns einer Straße. Dem Geräuschpegel nach stehe ich mitten auf der Fahrbahn – eine verwirrende Erfahrung. Denn: Ich bin mehr als 15 Meter von den vorbeifahrenden Autos entfernt, werde ich beruhigt.
Alle Laute erscheinen mir deutlicher und detaillierter als gewohnt. Tick-tack, tick-tack, tick-tack macht die speziell für Sehbehinderte ausgestattete Ampel, an der ich nun warte. Noch nie bin ich vor dem Überqueren einer Straße so aufgeregt gewesen. Mein Puls pocht spürbar. Ein hoher, schwingender Ton zeigt mir an: Ich darf gehen. Den Arm von Christiane fest umklammert, beeile ich mich, möglichst schnell auf die andere Seite der Straße zu kommen – bevor es wieder rot ist.
Ich bekomme einen Blindenstock in die Hand gedrückt, darf auf wackeligen Beinen allein mein Glück versuchen – und lande in einer Hecke. „Ist es normal, nach links abzutreiben?“, fragte ich Mobilitätstrainer Oliver Simon besorgt. „Das ist völlig natürlich. Es fällt dem Menschen schwer, ohne etwas zu sehen geradeaus zu gehen“, erklärt er mir.
Eine geschlagene Stunde wandere ich jetzt durch Altona. Wo genau ich mich im Moment befinde? Keine Ahnung. Es ist nur noch wenig Verkehrslärm zu hören, dafür aber ein Schiffshorn. Bis irgendwo an die Elbe muss ich es also geschafft haben.
Ende meiner Zeit als Blinder; ich darf die schwarze Brille ausziehen. „Augen nur ganz langsam öffnen“, sagt der Trainer. Mit zusammengekniffenen Augen streife ich mir die Binde vom Kopf. Ich fange an, schnell zu blinzeln, weil das grelle Tageslicht auf dem Altonaer Balkon in den Augen sticht. Seit wann ist es an einem bewölkten Tag so unglaublich hell?
Rollentausch. Fortan geleite ich, wieder mit vollem Sehvermögen ausgestattet, die „blinde“ Christiane durch die Straßen. Sie ist unruhig, ängstlich, übervorsichtig, obwohl ich jeden ihrer Schritte pflichtbewusst überwache.
Auf dem breiten Mittelstreifen der Palmaille fordert Simon Sehende und „Blinde“ zum Ballspiel auf. Der Ball ist mit Glöckchen besetzt, damit die Nichtsehenden seinen Weg verfolgen können. Sieht seltsam aus, wenn ein Haufen Augenbindenträger orientierungslos über den Rasen strauchelt, denke ich mir. Christiane bestätigt mir, was ich als Blinder erlebt habe: Der Verkehrslärm ist enorm und sehr beängstigend, wenn man die Autos nicht mehr sehen kann. Wie angenagelt bleibt sie mitten auf dem Grünstreifen stehen und traut sich nicht, dem Geräusch des Klingelballs zu folgen. Sie hat Angst, unter ein Auto zu kommen - trotz aller meiner Beschwichtigungen und Ermutigungen.
Zum Schluss gehts in die Alte Königstraße zum Zigarrenmacher Otto Hatje. Jeder der „Blinden“ erkennt sofort, wo er sich befindet – ganz ohne zu gucken. Ich frage mich, ob denn alle von ihnen schon mal eine gepafft haben. Ziemlich sicher nicht, aber den schweren Duft von Zigarren erkennt jeder. Dass so ein Zigarrenladen ein Fest für die Nase sein kann - wer hätte das gedacht.
Am Ende des Ausflugs entbrennt eine Diskussion zum Thema Barrierefreiheit. Ich bleibe stumm, denn ich bin ganz und gar fassungslos, wie wenig ich meine Heimatstadt doch kenne – wenn ich sie nicht sehen kann.
Wer selbst gerne einmal bei einer Führung wie dieser dabei sein möchte, wird unter www.blindundmobil.de fündig.
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