20 Jahre lang vergessen

Seit 20 Jahren rottet die alte Lokhalle vor sich hin. Im Zuge der Verlegung der Wilhelmsburger Reichsstraße soll endlich Bewegung in die Angelegenheit kommen. Fotos: leo
 
Die Wände sind mit Graffiti verziert.

Ringlokschuppen am Vogelhüttendeich - ein Geheimtipp für Fotografen
Aber: Betreten des Geländes ist von der Bahn ausdrücklich verboten !

peter mahnken, wilhelmsburg

Ein Großfeuer zerstörte vor 20 Jahren den Ringlokschuppen am Vogelhüttendeich in Wilhelmsburg. Der Wiederaufbau blieb aus. 20 Jahre danach ist das Areal immer noch verlassen. Ein vergessener Platz. Und geheimnisvoller als je zuvor....
Natürlich gibt es schönere Ecken in Wilhelmsburg als diese hier. Etwa das Areal der ehemaligen Internationalen Gartenschau mit seinem penibel gepflegten Grün und akkuraten Wegen. Oder das Gebiet, das die IBA Wilhelmsburg mit spektakulärer Architektur als Erbe beschert hat. Vergleichbares sucht man am Vogelhüttendeich vergeblich. Das Besondere hier? Nirgendwo auf der Elbinsel gibt es einen Ort, der geheimnisvoller ist als das Gelände rund um den ehemaligen Ringlokschuppen. Ein Ort, wie aus der Zeit gekippt. Ein Lost Place, ein verlorener Platz, am Rand des Hamburger Südens. 20 Jahre lang vergessen. 20 Jahre Verfall.

Bei jedem Schritt
knirschen Splitter
Die Deutsche Bahn unterhielt hier das Bahnbetriebswerk Wilhelmsburg. Bis Ende der 90er Jahre wurden die Gebäude für die Unterhaltung von Rangierloks und Güterwaggons genutzt. Die Deutsche Bahn Netz AG ist noch heute Eigentümer der Fläche. Im Ringschuppen standen zuletzt zahlreiche historische Lokomotiven und Waggons. Hier sollte das Hamburger Eisenbahnmuseum entstehen. Nur einen Steinwurf entfernt eine große Werkstatthalle. Alles verteilt auf einem Areal, groß wie zwei Fußballfelder. Heute gibt es nicht einmal Gleise hier. Die Bahn hat die Gleisanlagen zurückgebaut. Schrott. Geblieben sind verwaiste Gleisbette. Wie offene Narben durchfurchen sie den Boden, der aussieht, als würde er noch immer viele schmutzige Geheimnisse bewahren. Heute taugt das Gelände mit seinen verstümmelten Zeitzeugen bestenfalls als düstere Kulisse für noch düsterere Kinostreifen.
Vor zwei Jahrzehnten, am 15. Oktober 1994, hatte ein verheerendes Feuer den Lokschuppen zerstört. Das Dach stürzte ein, übrig blieben verkohlte Mauerreste. Der Schaden ging in die Millionen. Weil die Polizei Einbruchsspuren fand, ging man von Brandstiftung aus. Die Täter wurden nie gefasst. In den Flammen verglühte ein Stück deutsche Bahngeschichte: Uralte Waggons, Triebwagen, seltene Lokomotiven – vieles wurde vernichtet oder stark beschädigt. Mitglieder des Hamburger Museumsvereins, die damals Zeugen des Großbrandes waren, weinten beim Anblick des Feuers.
Schon im Sommer 1998 sollte mit dem Wiederaufbau des Lokschuppens begonnen werden. Ein Bodengutachten und ein Kostenvoranschlag lagen auf dem Tisch. Passiert ist bis heute nichts. Warum? Bahnsprecherin Sabine Brunkhorst vom Regionalbüro Hamburg erklärt: „Die Entwicklung der Flächen und ein Verkauf sind aufgrund der Planungen nicht möglich.“ Diese Pläne sehen laut Brunkhorst so aus: „Die Fläche unterliegt der Planfeststellungsmaßnahme „Verlegung Wilhelmsburger Reichsstraße" und wird in den kommenden Jahren als Baustelleneinrichtungsfläche und zum Teil für die Straßenverkehrsfläche benötigt.“
Längst hat das Areal heimlich einen neuen Besitzer - die Natur. Efeu rankt meterhoch an den roten Backsteinwänden, unzählige Gräser wuchern, zierliche Birken recken sich aus leeren Gleisbetten. Die Ausbesserungshalle neben dem Lokschuppen - ein Trümmerfeld. Lose Kabel ragen wie giftige Stachel aus den Wänden. Hunderte zerborstene Scheiben. Bei jedem Schritt knirschen Splitter. Rostige, verbogene Stahlträger baumeln von der Decke wie ein gigantisches zeitgenössisches Kunstwerk. Die Wände sind besprüht mit Graffiti. Die leeren Farbdosen einfach weggeworfen. Zu Hunderten treiben sie im modrigen Regenwasser, das sich in den Wartungsschächten gesammelt hat. Die wenigen Sonnenstrahlen, die ins Innere der Halle fallen, lassen die Ölschlieren in den Gruben schillern.
Den Zugang zum Lost Place verwehren Gitter. Aber nicht nur Sprayer haben das Areal heimlich für sich entdeckt. Das Gebiet um den Ringlokschuppen ist ein Geheimtipp unter Fotografen, die ungewöhnliche Motive suchen.
Dort entstehen jetzt bizarre Bilder von morbider Schönheit. Fotos, die verstören, die auch melancholisch stimmen, und tief bewegen. Wie dieser vergessene Platz.


Lost Place
Meist handelt es sich um Bauwerke aus der jüngeren Geschichte, die noch nicht
historisch aufgearbeitet worden sind oder aufgrund ihrer geringen Bedeutung kein allgemeines Interesse finden.
Lost Place wird häufig gleichbedeutend mit Indus-trieruinen oder nicht mehr genutzten militärischen Anlagen gebraucht. Quelle: Wikipedia


Die Bahn als Eigentümerin des Geländes weist jetzt noch einmal ausdrücklich darauf hin, dass das Betreten des Areals streng verboten ist, da dort für Spaziergänger akute Verletzungsgefahr besteht.
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2 Kommentare
13
klaus schmidt aus Wilhelmsburg | 21.11.2014 | 13:16  
19
Horatiu - Thomas Reinhardt aus Harburg | 23.11.2014 | 14:54  
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