Zur Eröffnung kam Max Schmeling

Box-Idol Max Schmeling (li) bei der Hauseinweihung, rechts Wilhelmsburg 09-Vereinsvorsitzender Johann Martens. Foto: Archiv
 
So wurde der Platz am Vogelhüttendeich gebaut. Foto: Archiv

Die Geschichte des Sportplatzes am Vogelhüttendeich, wo bald Wohnhäuser entstehen

Von Waldemar Düse.
Bei vielen Wilhelmsburgern traut sich schon die Hoffnung aus der Deckung, noch einmal davongekommen zu sein. Da schlägt Ostern 1945 der Krieg mit einem der letzten Bombenangriffe auf Hamburg doch noch einmal erbarmungslos zu. Den Sportplatz Rotenhäuser Straße und das Vereinshaus des FV Wilhelmsburg 09 gibt es danach nicht mehr.
Überlebenskampf in einer „Totenstadt“ und Hoffnungslosigkeit inmitten endloser Trümmerberge – angesichts dieser Trostlosigkeit ist es gar nicht so absurd wie es auf den ersten Blick scheint: Bereits im Herbst 1945 werden Qualifikationsspiele für eine Stadtliga organisiert. Die Lebensenergie in den „09“-Vereinsfarben schwarz-gelb schafft es sogar, 18.000 Reichsmark zusammenzukratzen, um die rote Kraterlandschaft an der Rotenhäuser Straße wieder bespielbar zu machen.
Trotzdem fehlt etwas. Unter der Federführung von Leo und Jonni Schuster, Paul Wawciniak und Hans Calinski macht sich „09“ daran, eine neue Heimat zu suchen. In harten Verhandlung-en wird der Stadt 1948 eine tiefe, feuchte Wiese am Vogelhüttendeich abgerungen. 125.000 Mark soll die Herrichtung zu einem Sportplatz kosten – zur Zeit der Währungsreform eine astronomische Summe. Johan Marzinkowski und Rolf Gramm bringen dann die langwierigen Verhandlungen mit der Stadt zu einem glücklichen Ende.
Endlich, am 4. März 1950 beginnen die Arbeiten. Mit 40.000 Kubikmetern Bombentrümmern wird der Untergrund um über einen halben Meter angehoben und darauf dann der heute noch bekannte Rasenplatz mit seinen Stehtraversen errichtet. Der HFV gibt ein Darlehen von 32.000 Mark. Standesgemäß dann die Einweihung am 2. August 1952: 5:0 im Aufstiegsspiel gegen den SC Sperber, „09“ gehört wieder Hamburgs höchster Spielklasse an.
Aber es fehlt immer noch etwas. Mit Totogeldern und Selbsthilfe werden das neue Vereinshaus und zwei Grandplätze errichtet. Die unteren Mannschaften müssen ihre Heimspiele fortan nicht mehr in Georgswerder, Kirchdorf oder Neuhof austragen.
Zur Einweihung am 28. Juli 1959 gibt sich sogar Box-Idol Max Schmeling die Ehre. Aber bekanntlich hat alles ein Ende. Der Vogelhüttendeich soll hochwertig bebaut werden. „09“, später WSV 93, später SV Wilhelmsburg, muss sich erneut auf die Suche nach einer neuen Heimat begeben.

Umzug nach Kirchdorf?

Der SV Wilhelmsburg hat in der Fußball-Bezirksliga Süd vier turbulente Wochen hinter sich. Vier Niederlagen aus fünf Spielen haben den Kader um das Trainergespann Alexander Reckewell/Ihsan Calisgüven zuletzt reichlich durchgeschüttelt. Das 4:0 im letzten Punktspiel des Jahres beim Vorletzten Harburger SC hat Mägen und Nerven um den Vogelhüttendeich herum wieder etwas beruhigt. Um den angepeilten Aufstieg doch noch zu realisieren, sollen in der Winterpause weitere neue Spieler zum ohnehin schon weitgehend neu formierten Tabellenvierten kommen.
Doch diese Turbulenzen sind nur ein laues Lüftchen gegen das, was den größten Wilhelmsburger Sportverein erwartet, sollten die städtischen Umgestaltungspläne der Sportanlagen auf der Elbinsel Wirklichkeit werden. Zwei Plätze aus Kunst- und einer aus Naturrasen, dazu ein neues Klubhaus und einen neuen Umkleidetrakt.
Eigentlich ein Grund zum Jubeln, der Haken an der Sache lässt den Jubler aber buchstäblich im Hals stecken bleiben. Das ganze Ensemble soll nämlich nicht am Vogelhüttendeich, sondern am Karl-Arnold-Ring in Kirchdorf errichtet werden. Die städtische Anlage am Vogelhüttendeich soll von 2016 an mit Wohnungen bebaut werden.
Besonders die Fußball-Abteilung wehrt sich vehement gegen diesen verordneten Umzug. Sie befürchtet, dass die Wurzeln des Vereins aus seinem angestammten sozialen Umfeld herausgerissen und auf dem neuen „Sportzentrum Süd“ verdorren werden. Vereinshaus und Umkleidetrakt am Karl-Arnold-Ring, Spiel- und Trainingsbetrieb an der Dratelnstraße, die ebenfalls umgestaltet werden soll, fordert der Verein von der Stadt.
Kritik gibt es im Klub aber auch am eigenen Vorstand. „Die ganze Entwicklung war absehbar, aber in diesem Gremium gibt es zu wenig Kompetenz, damit rechtzeitig hätte eingegriffen werden können“, sagt ein langjähriges, verantwortliches tätiges Vereinsmitglied, das seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. „Es gibt in diesem Verein einfach zu viele Nebengeräusche, manchmal sind die Zustände geradezu katastrophal.“
Wenn nicht alles täuscht, verliert der Fusionsklub von 2003 nach der Landesgrenze auch seine zweite angestammte Heimat.
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