Zeit für die Wahrheit

Die Wahrheit liegt im Boot: Mia Meyer (li) rudert auf dem Foto mit einer Mannschaft aus Hamburger Sportlerinnen. Foto: pr

Die Kolumne von Mia Meyer.

Vergossene Tränen aus Frust und Verzweiflung. Schmerzende Muskeln, ruinierte Hände. Hat sich der Aufwand gelohnt?
Wenn ich jetzt an das Trainingslager in Frankreich zu-
rückdenke, kommt es mir schon verdammt lange her vor. Doch gerade einmal eine Woche zuvor konnte ich dort noch bei sommerlichen Temperaturen im Einer durch die Wellen rudern, ausgedehnte Rennradtouren und Strandläufe unternehmen und den nahenden Schulstress vergessen.
Der Tag der Abreise kam wieder einmal viel zu unerwartet. Während man anfangs die Stunden zählt, vergehen die letzten Trainingseinheiten im Zeitraffer. Doch das Warten auf die Abschlussbelastung zog mein Zeit-empfinden doch noch sehr in die Länge. Diese letzte Belas-tung simuliert eine Wettkampfsituation und ist somit der Spannungshöhepunkt, auf den man sich zwei Wochen am Stück vorbereitet.
Nachdem die Koffer gepackt waren und das alte verstaubte Holzmobiliar wieder auf Hochglanz poliert auf die nächsten Gäste wartete, war ich bereit, ein letztes Mal im Trainingslager Vollgas zu geben.
Jetzt sollte die Wahrheit ans Licht kommen. Eine Frage brennt mir auf der Zunge und bereitet mir Kopfschmerzen. Kann ich trotz Trainingsdefiziten aus dem Winter noch mithalten und an meine Vorjahresleistung anknüpfen? Ich setze mein Pokerface auf, damit meine Gegner keine Spur meiner Nervosität zu spüren bekommen. Jetzt bloß niemandem in die Augen schauen, nicht einmal dem Trainer, kein Wort mehr sprechen, Selbstbewusstsein zeigen, Stärke beweisen. Schon das Erscheinungsbild kann Respekt verschaffen. Bis zum Start versetze ich mich in diese Rolle, dann lasse ich jeden Gedanken fallen und mich durch nichts aus der Ruhe bringen. Souverän kann ich mir einen kleinen Vorsprung verschaffen, den ich bis zum Zielturm halte.
Atemlos, aber zufrieden lege ich die gespielte Coolness ab. Konkurrenten werden wieder zu Freunden und unsere Wortkargheit wandelt sich zur aufgeregten Fachsimpelei über das Rennen.
Gut zu wissen, dass der Zug für mich noch nicht abgefahren ist, bevor wir uns auf die lange Heimreise machen.

Mia Meyer (17) geht in die zwölfte Klasse des Alexander-von-Humboldt-Gymnasiums in Harburg und ist Leistungssportlerin im Ruderclub Süderelbe. Was sie in ihrer Sportlerkarriere und auf dem Weg zum Abitur in diesem Jahr alles erlebt, steht in ihrer Kolumne im Wochenblatt zum Wochenende.
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