„Wir sind alle pleite“

„Wir sind alle pleite und fahren dennoch täglich in die Arena“, sagt Taxifahrerin Britta G. Fotos: TSILIS

Das Taxigewerbe ist am Boden – Internetfirmen wittern dennoch das große Geld

Von Andreas Tsilis. Ute Kretschmann hat die Ruhe weg. Seit 36 Jahren fährt sie Taxi, viele Wettbewerber hat sie kommen und gehen sehen. Früher war sie selbständig und beschäftigte mehrere Angestellte. Früher, in den 80er- und 90er -Jahren, da konnte man durch seinen Job als Taxifahrer noch ein Haus bauen, sagt sie. Heute ist man froh, wenn man seine Rechnungen begleichen kann. „Wir sind alle pleite und fahren täglich in die Arena“, beschreiben Britta G. (Name der Redaktion bekannt) und andere Kollegen die Situation am alten Harburger Bahnhof.
Ein Hilferuf, der zwischen Eisenbahngekreische und Autogehupe fast untergeht. Man quäle sich von Schicht zu Schicht und von Woche zu Woche. „Am Monatsende bin ich erleichtert, wenn unterm Strich 1.000 Euro netto übrig bleiben“, erzählt Ali Chang, ein anderer Taxifahrer. Chang hat einen Abschluss in Wirtschaftswissenschaften der Universität Teheran. Sein Leben hat er sich, wie viele der gut ausgebildeten Kollegen, so nicht vorgestellt. Wenn ein Tag gut läuft, macht er 15 Fahrten und schafft 140 Euro Umsatz – wenn nicht, ergeht es ihm wie einem anderen Fahrer, der nach neun Stunden Arbeit 40 Euro brutto in der Tasche hatte. Wie man davon bis zu 500 Euro monatliche Mitgliedsbeiträge für die Taxizentrale und die Rate für den neuen Mercedes abzahlen soll, bleibt nicht nur für Chang ein Rätsel.

Angst vor dem Gesetzgeber

Unterdessen kommt anderenorts in Sachen Personenbeförderung Goldgräberstimmung auf. Es sind Unternehmen wie Google, Uber oder Wundercar, die das Taxigewerbe umkrempeln wollen und das große Geschäft wittern: Jeder Pkw-Inhaber solle „taxifahrerähnlich“ und ohne Konzession tätig sein dürfen und sich mittels Internet mit Fahr-gästen „versorgen“. „Dies entspräche zeitgemäßer Mobilität“, heißt es dazu bei Uber, die von jeder über ihre „App“ (Computerprogramm) vermittelten Tour 20 Prozent Provision einstreichen. Nicht nur in Hamburg haben allerdings Gerichte im Einzelfall solche Beförderungspraktiken verboten, seit diesem Mittwoch wurden sie sogar bundesweit untersagt, Personenfahrten an Fahrer ohne Konzession zu vermitteln. Uber will dennoch weitermachen und sucht außerdem den Kontakt zur Politik.
Für die Funk-Taxi-Harburg-Inhaber Ralf Machalitzka und Jörg Günther ist das noch kein Problem. Machalitzka sagt: „Wir haben keine Angst vor Uber, sondern vor dem Gesetzgeber.“ Ute Kretschmann bleibt gelassen. „Alles regeneriert sich mit der Zeit“, sagt sie. Wer diese Rosskur heil übersteht, bleibt abzuwarten.

Taxibranche

Eine Taxifahrt kostet in Hamburg durchschnittlich zehn Euro. Laut Funk-Taxi-Harburg werden je Taxifahrer täglich bis zu 25 Touren vermittelt.
Uber - Börsenwert : 37 Milliarden Euro (2014). Mercedes-Benz - Börsenwert: 31,8 Milliarden Euro (2014).
Google war bis Anfang 2015 an Uber beteiligt und investierte allein 2013 rund 225 Millionen Euro.
(Quellen: Manager Magazin, Internet-World) AT
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