Raus aus der Tabuzone

Auf dem Alten Harburger Friedhof darf schon ewig nicht mehr beigesetzt werden. Jetzt soll in Bremen der Friedhofzwang gelockert werden. Foto: Andreas Tsilis
 
„Wir betreiben ein ganz normales Handwerk“: Peter Jungehülsing. Foto: Albers Bestattungen

Bremen lockert den Friedhofszwang: Wandel in der Trauerkultur

„Kommen Sie doch näher“, plakatierte 2005 ein Berliner Bestatter großformatig hinter den S- und U-Bahngleisen. Das sorgte bundesweit für einen Riesenwirbel und bringt noch heute den Harburger Bestatter Frank Kirste zum Nachdenken. Es sei ein völlig neuer Ansatz gewesen, sagt Kirste. „Plakatieren würde ich allerdings nie.“
Dass Werbung für Beerdigungen wirkt, glaubt Peter Jungehülsing. Der Inhaber von Albers-Bestattungen steckt bis zu zehn Prozent des Umsatzes ins Marketing. Das Bestattungswesen müsse raus aus der Tabuzone: „Wir betreiben ein ganz normales Handwerk.“

Immer mehr Absprachen mit Bestattern im Vorwege

Der Unternehmer plädiert für ein offeneres Verhältnis zur eigenen Endlichkeit. Für einen positiven Schub habe vor zwei Jahren eine ARD-Themenwoche zum Thema „Sterben und Tod“ gesorgt. Immer mehr Menschen möchten, dass im Sterbefall alles geregelt ist und treffen entsprechende Abreden mit einem
Bestatter.
Bei Albers sorgen solche Bestattungsvorsorgeverträge für erhebliche Zuwachsraten. „Wir haben ein Umsatzplus von 50 Prozent an verwalteten Vorsorgeleistungen.“ Den Angehörigen nimmt das nicht nur die Kostenlast, der Druck ist raus, die seien heilfroh, wenn alles geregelt ist, sagt
Peter Jungehülsing.
Nicht nur im Einzelfall, auch allgemein gibt es einen Bewußtseinswandel im Umgang mit dem Tod. Und das nicht zum ersten Mal. Vor zehn Jahren sprach der Bestatterverband Hamburg von einem „radikalen Umbruch“, als Billigbestatter mit Discount-Preisen warben – heute haben diese Mitwettbewerber auch in Harburg ihr eigenes Klientel.
Gegenwärtig hinterlässt ein fundamentaler Richtungswechsel viele Fragen und Zweifel: In Bremen soll ab Januar 2015 der „Friedhofszwang“ gelockert werden. Dann soll es unter engen Voraussetzungen auch erlaubt sein, die Asche Verstorbener auf privaten Grundstücken zu verstreuen.

Asche auf Privatgrundstück: Was passiert bei Umzug?

Viele Deutsche dürften das begrüßen. Nach einer repräsentativen Emnid-Umfrage aus 2013 lehnen 65 Prozent den Friedhofszwang ab. Kirste und Jungehülsing bleiben kritisch. Manches bliebe noch unbeantwortet. Was geschieht mit der Urne bei Umzug oder Verkauf des Grundstücks? Ist eine würdevolle Bestattung gewährleistet?
Der Wandel in der Trauerkultur – in Bremen ist man vielleicht einen Schritt näher dran an dem, was die Menschen bewegt. Einen neuen Weg geht auch Frank Kirste, der in Nenndorf sein Unternehmen erweitert. Die Trauerhalle soll Platz für mehr als hundert Menschen bieten.

Bestatter

Harburg hat vier große Bestattungsunternehmen und zwei Filialisten. Laut Stiftung Warentest kostet eine Bestattung durchschnittlich 6.000 Euro, der Bestatterverband Hamburg spricht von 3.000 bis 5.000 Euro. Der neue Friedhof Harburg hat 32.550 Grabstellen. Mit dem „Eichenhain“ besitzt man einen eigenen „Friedwald“. In Harburg sterben jedes Jahr knapp 2.000 Menschen. (AT)

Albers Bestattungen
Tel. 77 35 62
www.albers-bestattungen.de

Kirste Bestattungen
Tel. 790 93 49
www.kirste-bestattungen.de
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