Zurück zur Natur

Wolfram Hammer fischt in der Tarpenbek nach Kleintieren wie Insektenlarven, Würmern, Schnecken und Muscheln. Sie geben Hinweise auf die Wasserqualität. Fotos: bk
 
Selten in der Großstadt: Larve einer Prachtlibelle.

Die Tarpenbek fließt wieder so wild wie vor 90 Jahren.

Von Annekatrin Buruck:
Wolfram Hammer steht bis zu den Knien im Bach und zieht seinen Kescher durch das Wasser. Er ist auf der Suche nach Kleinlebewesen. Seine Beute schüttet er in eine flache Schale. Für ungeübte Augen ist auf den ersten Blick nicht viel zu erkennen, aber der Biologe sieht es auf Anhieb: „Da sind zwei Larven der Prachtlibelle, die in Hamburg auf der Roten Liste steht“, sagt er. Ein gutes Zeichen, nicht nur für Hammer.
Gleich hinter dem Flughafen beginnt eine andere Welt. Nur wenige 100 Meter neben der Rollbahn, wo die Jets an diesem Freitagnachmittag im Minuten-takt starten und landen, fließt die Tarpenbek. 40 Teilnehmer sind zu einer Gewässerführung gekommen. Eingeladen hatte die Behörde für Stadtentwick-lung und Umwelt (BSU). Die meisten kennen den Bach schon lange; Peter Holst ist an seinen Ufern aufgewachsen. „Ich habe die Entwi-cklung nach dem Krieg miterlebt“, erzählt er. „Deshalb interessiert es mich, was mit der Tarpenbek heute geschieht.“ Christa Fischer gehört zum Naturschutzbund Nabu. „Wir haben eine Bachpatenschaft für den Niendorfer Teil des Baches“, erzählt sie. Auch Bjarne Schneider interessiert sich sehr für die Natur. „Das habe ich von seinem Vater geerbt“, sagt der 13-jährige Schüler.
Insgesamt ist der knapp 23 Kilometer lange Bach, der in Norderstedt entspringt und in die Alster mündet, auf dem Weg der Besserung. Das bis in die 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts sehr kurvige Gewässer wurde im Zuge des Flughafenbaus nach dem Krieg begradigt. „In den 50er Jahren kamen zwei Verrohrungen unter den Lan-debahnen hinzu“, ergänzt Hammer. Erst in den 1980er-Jahren begann ein Umdenken, und der Bach erhielt im Zuge der „Renaturierung“ einen Teil seines natürlichen Verlaufs zurück.
Die Tarpenbek hat inzwischen wieder ein Bachbett mit abwechslungsreicherem Verlauf. Die Breite variiert zwischen einem halben Meter und vier Metern, die Tiefe zwischen weniger als 30 Zentimetern und mehr als einem Meter. Sonnige und schattige Abschnitte wechseln sich ab. „Eine artenreiche Tier- und Pflanzenwelt stellt sich dann ganz von selbst ein“, weiß Stephan Schneider von der Wasserbehörde im Bezirksamt Eimsbüttel. 14 verschiedene Fischarten gibt es inzwischen wieder, darunter die Bachschmerle, die in Hamburg als stark gefährdet gilt. Daneben bevölkern Hecht, Hasel, Aland und Aal die Tarpenbek. Sie stehen deutschlandweit auf der Roten Liste. Dazu kommen 60 verschiedene Kleintierarten. All das ist überdurchschnittlich viel für ein Gewässer in einer Großstadt.
Das Wasser der Tarpenbek muss aber immer noch einiges aushalten: An manchen Tagen ist der Sauerstoffgehalt zu niedrig, die Temperatur dagegen zu hoch. Außerdem werden durch den Regen Schadstoffe von Hauptverkehrsstraßen, dem Flughafen sowie Dächern und Fassaden in den Bach gespült. Auch Rückstände von
Pestiziden und Medikamenten können nachgewiesen werden. In einer Großstadt sind solche Belastungen allgegenwärtig, weiß Kerstin Graupner, Pressesprecherin der BSU.
Wolfram Hammer zeigt nun jedem Teilnehmer, was er mit seinem Kescher gefangen hat. Ebenso wie eine wenige Tage zuvor gefundene Köcherfliegenlarve ist die Larve der Prachtlibelle ein Zeichen für eine zufriedenstellende Wasserqualität. Außerdem haben die Larven die Passage unter dem Flughafen gut überstanden, wo der Bach, wie von Hemmer erwähnt, an zwei Stellen durch große Rohre fließt.
Weil aber Fische und Kleintiere Wehre und Rohre nicht durchqueren können, ist die weitere Wiederherstellung der Tarpenbek nicht einfach. Eine Lösung könnten Fischaufstiegshilfen und durchgehende Uferstreifen auch unter Brücken sein.
Die BSU will erreichen, dass sich die Wasserqualität weiter verbessert. Die EU fordert bis 2015 einen „guten Zustand“ aller Gewässer.
„Dann müssen wir nachweisen, dass unsere Maßnahmen gewirkt haben“, erklärt Peter Borstelmann von der BSU. Gelingt das nicht, drohen im schlimmsten Fall Strafzahlungen nach Brüssel.
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