Zu unsicher! E-Scooter können in Bussen kippen

Im Schwerbehindertenausweis von Harald Peterlick sind eine „erhebliche Gehbehinderung“ und sogar die „Notwendigkeit einer ständigen Begleitung“ vermerkt. Mit seinem E-Scooter wird er bis auf Weiteres nicht von HVV-Bussen befördert. Foto: ki

HVV setzt Beförderung von E-Scootern in Bussen bis auf Weiteres aus –
kein E-Scooter-Modell auf dem Markt erfüllt die neuen Sicherheitsanforderungen

Olaf Zimmermann, Süderelbe

Für Harald Peterlick (66) ist das Leben seit Jahresbeginn noch beschwerlicher geworden. Der Wilhelmsburger, wegen diverser Herz- und Rückenprobleme zu 100 Prozent schwerbehindert, kann seine Wohnung in der Georg-Wilhelm-Straße nur selten verlassen. Ohne Elektromobil (E-Scooter) geht’s nicht. Doch mit seinem „Shoprider TE 888“ darf der ehemalige Kraftfahrer und Matrose seit dem ersten
Januar keine HVV-Busse mehr benutzen. „Ich hänge zu Hause `rum, bin auf fremde Hilfe angewiesen“, sagt Peterlick, „meine HVV-Jahreskarte kann ich mir an die Wand nageln.“
Hintergrund: Bereits im Ok-tober 2016 hatte der HVV neue Regeln für die Mitnahme von E-Scootern angekündigt. Mitgenommen werden sollten künftig nur noch E-Scooter mit einer Länge von maximal 1,20 Meter. Problem: Viele gängige Modelle sind ein klein wenig größer. Das von Harald Peterlick um knapp zwei Zentimeter.
Ende Dezember gab der HVV bekannt, dass ab sofort gar keine E-Scooter mehr in Bussen mitgenommen werden. Warum? Tests eines Gutachters hatten gezeigt, dass E-Scooter schon bei gewöhnlichen Fahrmanövern im Bus regelmäßig kippen und über keine geeignete Bremse verfügen. „Deshalb bleibt es bei der Empfehlung, bis auf Weiteres aus Sicherheitsgründen keine E-Scooter zu befördern“, heißt es in einer Mitteilung des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV).
An einem „Runden Tisch“, an dem im November 2016 Vertreter von Behörden, Verkehrsunternehmen und E-Scooter-Hersteller teilnahmen, wurden Mindestanforderungen festgelegt, die E-Scooter einhalten müssen, um Busse nutzen zu dürfen. Das Problem: Es gibt auf dem Markt keine E-Scooter, die diese Voraussetzungen erfüllen! Nach Angaben von Herstellern sollen entsprechende Modelle frühestens im Frühjahr verfügbar sein.
Das hilft Harald Peterlick jetzt wenig. „Montag hab’ ich einen Arzttermin. Keine Ahnung, wie ich da hinkomme.“

E-Scooter
Elektro-Scooter oder Elektromobil ist die gebräuchliche Bezeichnung für kleine, offene, elektrisch angetriebene Leichtfahrzeuge, die nur eine Person befördern können und meist von Gehbehinderten genutzt werden.
Sie ermöglichen Gehbehinderten, auch längere Strecken zügig zurückzulegen und auch Rollstuhlzugänge zu benutzen.
E-Scooter gelten laut
Fahrerlaubnis-Verordnung als motorisierte Krankenfahrstühle und sind von der Hauptuntersuchung befreit. Motorisierte Krankenfahrstühle dürfen bei einer Höchstgeschwindigkeit bis 6 km/h Gehwege benutzen, wenn diese nicht vorhanden sind, die Fahrbahn.

Interview mit dem HVV

Im Interview mit dem Elbe-Wochenblatt beantwortet HVV-Sprecher Rainer Vohl Fragen zu Thema E-Scooter.

Der HVV hat die Beförderung von E-Scootern vorerst ausgesetzt. Warum? Die Entscheidung wurde getroffen, weil ein im Auftrag des Landes Nordrhein-Westfalen erstelltes Gutachten nachgewiesen hat, dass E-Scooter in Bussen zur Gefahr werden können. Auch jene Scooter, deren Beförderung bisher sicher möglich schien, kippten während der Fahrversuche der DEKRA um. Es fehlt jeweils eine Bremse, die auf alle Räder wirkt.
Ist es richtig, dass derzeit kein E-Scooter die Sicherheitsanforderungen erfüllt? Im Rahmen eines „Runden Tisches“ zum Thema im November 2016 haben Vertreter von E-Scooter-Herstellern bestätigt, dass derzeit kein entsprechendes Modell verfügbar ist. Die Hersteller arbeiten an der kurzfristigen Markteinführung neuer Fahrzeuge mit wirksamen Bremssystemen, auch eine Nachrüstlösung ist denkbar.
Gibt es in Deutschland noch Verkehrsunternehmen, die in ihren Bussen E-Scooter befördern? Nach meinem Kenntnisstand werden in Berlin, in Kassel und – mit Einschränkungen – in Hannover noch E-Scooter befördert. Während der HVV bis zuletzt noch eine Regelung angestrebt hat, die die Mitnahme weiter ermöglicht, haben viele andere Verkehrsunternehmen den vollständigen Ausschluss bereits vor längerer Zeit vollzogen.
Sollen E-Scooter ohne Sicherheitsmängel auch wieder vom HVV mitgenommen werden? Oder ist deren Mitnahme zu aufwändig? Die Bundesländer planen einen einheitlichen Erlass, der einen Kriterienkatalog für die sichere Mitnahme von E-Scootern vorsieht und eine Mitnahmeverpflichtung enthält. Selbstverständlich werden E-Scooter, die die Kriterien erfüllen, dann auch im HVV wieder befördert.
Ist bei Elektro-Rollstühlen, Kinderwagen und Rolllatoren die Standsicherheit in Bussen gewährleistet? Anders als bei E-Scootern lassen sich bei Rollstühlen, Kinderwagen und Rollatoren alle Räder mit Feststellbremsen blockieren. Damit wird ein Wegrutschen auch dann verhindert, wenn ein Rad einer Achse den Bodenkontakt verliert.
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