Wo Kinder wie Priester heißen

Sonam Angmo und Jigmet Angmo besuchen beide die fünfte Klasse. Noch wollen beide gerne Tänzerinnen werden, da sie bei den Veranstaltungen immer in der ersten Reihe Ladakhi-Tänze vorführen dürfen. Fotos: meret hoyer

Unsere Kolumne „Ein Jahr im Himalaya“

Meret Hoyer, Ladakh

Jeden Morgen wird an der Mahabodhi Schule ein „Assembly“, eine Versammlung, abgehalten. Eine Gruppe bestehend aus sieben Mädchen und Jungen darf nach vorne auf die Bühne gehen und stolz den eigenen Namen in das Mikrofon rufen. Sie haben bei einem schulinternen Wettbewerb als Kleingruppe gewonnen. ,,My name is Stanzin Laldon". ,,My name is Stanzin Angmo". Sechs von den sieben Schülerinnen und Schülern heißen mit erstem Namen Stanzin.
Zu Beginn meiner Zeit als Freiwillige in Ladakh haben mir die Mädchen im Girls-Hostel einen Ladakhi-Namen gegeben. Angmo, weil ,,Meret" zu kompliziert sei. Mein „zweiter Name“ hat sich schnell bei allen durchgesetzt und ich höre auf ,,Angmo" mittlerweile genau so wie auf meinen echten Namen. Allerdings nicht nur ich, sondern auch mindestens die Hälfte aller Mädchen im Hostel fühlen sich mit ,,Angmo" angesprochen.
In Ladakh gibt es nur etwa 20 (keine Übertreibung!) verschiedene Namen, die alle eine wortwörtliche Bedeutung auf tibetisch oder ladakhi haben.
Sonam und Jigmet heißen zwar beide mit ihrem letzten Namen „Angmo“, allerdings heißt das nicht, dass sie verwandt sind, weil es keine Nachnamen gibt. Jeder Ladakhi hat zwei Namen, ausgewählt aus den wenigen vorhandenen. Die Namen werden aber nicht von den Eltern vergeben, sondern die Mädchen und Jungen werden von und nach vorbildlichen Lamas (tibetische Priester) der Region benannt.
Nach der Geburt besuchen die Eltern das Kloster eines Lamas, der dem Neugeborenen einen Namen gibt, der sich aus dem ersten Namen des Lamas sowie einem Zweitnamen, den der Lama aussucht, zusammensetzt. Dabei spielt auch das Geschlecht keine Rolle, bis auf ein paar wenige sind alle Namen unisex. Da der jetzige Dalai Lama ursprünglich Stanzin hieß, ist dieser Name im Moment bei Kindern ausgesprochen häufig vertreten, viele Eltern wenden sich an ihn für die Namensgebung.
Aber eins habe ich schnell gelernt: Auch wenn sich jedes Kind den Namen mit etlichen Freunden und Familienmitgliedern teilt, so sind sie trotzdem alle besondere Individuen mit eigenen Träumen und Wünschen.
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