„Wir sind Hamburger Deerns!“

Nebahat Güçlü (re.), Vorsitzende der Türkischen Gemeinde mit Beisitzerin Özlem Eryüksel. Foto: Köslin

Ein Besuch bei der Türkischen Gemeinde Hamburg.

Von Chris Köslin. Wir wollen nicht drumherum reden. Auch wenn wir die Fernsehbilder von vor 41 Jahren wieder im Kopf haben, als der ein-millionste Gastarbeiter mit einem Moped beschenkt wurde. Und auch wenn wir bei Wikipedia nachgelesen haben, dass bereits 1961 das Anwerbeabkommen zwischen der Bundesrepublik und der Türkei unterzeichnet wurde – wir schleppen noch immer ein schweres Paket Vorurteile mit die Treppe hoch, die zur Türkischen Gemeinde Hamburg führt. Nein, die Sache mit dem Kopftuch gehört nicht dazu. Das wäre auch geradezu lächerlich angesichts der Frau, die uns lächelnd begrüßt und bittet, am langen Konferenztisch Platz zu nehmen. Nebahat Güçlü, als Vierjährige 1970 mit den Eltern nach Hamburg gekommen, ist seit 1995 auch deutsche Staatsbürgerin, im siebten Jahr Mitglied der Hamburger Bürgerschaft und seit drei Jahren an der Spitze der Türkischen Gemeinde.
„Wir haben uns vor 30 Jahren gegründet und sind Hamburgs älteste Migrantenorganisation“, erläutert die Frau, die vor Energie sprüht und in deren Stimme eine lebensfrohe Freundlichkeit mitschwingt. „Wir sind der Dachverband von 33 ehrenamtlich geführten Vereinen mit rund 3.000 Einzelmitgliedern“, sagt sie, „Seniorentreffs gehören dazu, auch die Fan-Clubs so populärer türkischer Fußballvereine wie Galatasaray oder Fenerbahçe. Da sind aber auch die Theatergruppe Istasyon, der Türkische Elternbund, der türkische Lehrerverein und viele andere mehr.“

Bankrotterklärung für Integration?

Drängt sich da nicht folgende Frage auf: Wenn auch die zweite und die dritte Generation der Einwanderer noch immer Zuflucht und Sicherheit in türkischen Gemeinschaften suchen, ist das nicht eine Bankrotterklärung für alle Integrations-Bemühungen? „Nein“, widerspricht Nebahat Güçlü energisch. „Es ist ein Zeichen, dass sich diese Menschen nicht mehr in ihre Familien zurückziehen und sich isolieren. Im Gegentei: Sie gestalten mit, sie engagieren sich. Und das erst fördert die Integration.“

530.000 Hamburger haben eine Migrationsgeschichte

Und doch, nehmen wir einmal den türkischen Lehrerverein. Warum müssen sich türkischstämmige Lehrer an öffentlichen Hamburger Schulen zu einem eigenen Verein zusammenschließen? „Weil zum Beispiel diese Lehrer prozentual noch immer häufiger und länger unbefristete Verträge haben“, kommt schnell die Antwort. „Es gibt viele solcher Punkte. Außerdem, Integration kann und soll doch nicht heißen, dass wir alle gleich werden. Jeder soll doch das Recht haben, an seinen Wurzeln festzuhalten. Das beanspruchen Deutsche, die ins Ausland gehen, doch auch für sich. Ich sage immer, wir sind nicht alle gleich, aber wir sind alle gleichwertig. Dafür setzen wir uns ein. Und nicht nur für Menschen aus der Türkei. Wir sehen uns als Interessenvertreter für alle eingewanderten Menschen in dieser Stadt. Daher richten sich auch alle Projekte bei uns an alle Einwanderergruppen. In Hamburg leben inzwischen mehr als 530.000 Bürger mit Migrationsgeschichte, also etwa jeder Dritte in der Hansestadt. „Ich kann inzwischen auch die Frage nicht mehr hören, ob ich mich nun mehr als Türkin oder als Deutsche fühle“, wird Nebahat Güçlü, die geschiedene Mutter einer 25-jährigen Tochter, kämpferisch. „Ich muss diesen Spagat nicht machen. Ich fühle mich in beiden Kulturen gleichermaßen zu Hause. Heimat ist für mich kein Ort, sondern ein Gefühl. Es wird entscheidend davon geprägt, wo ich mein soziales Umfeld habe und den emotionalen Bezügen. Ich bin eine Hamburger Deern.“ Und die preist und lobt Werte wie Pünktlichkeit und Verlässlichkeit und Gewissenhaftigkeit energischer als viele, die mit Elbwasser getauft sind.
Die Türkische Gemeinde Hamburg (TGH), die Dachorganisation für türkische Vereine, führt und betreut auch sechs Projekte. „Ich bin Hamburg“ bietet Hilfe bei der Einbürgerung an. „Und nicht nur für Türken“, betont die TGH-Chefin, „sondern für alle, die sie haben wollen.“ Das gilt für alle Projekte, für die Sprachkurse, für MIA (hilft Frauen, Arbeit zu finden), für die Ankerstelle (die Frauen bei Problemen und Gewalt in der Familie beisteht), für „Starke Jugend“ (die für Ehrenämter begeistert werden soll). Und auch für das jüngste Projekt Gönüllü, bei dem Nebahat Güçlü selbst Unterstützung sucht. „Auch meine Mutter hat jetzt, im Alter die deutsche Sprache völlig vergessen. Gönüllü sucht Helfer und Betreuer für demenzkranke Menschen aus der Türkei. Das bauen wir gerade auf.“

Das Projekt gegen Antisemitismus ist gestartet

Seit dem 1. November gibt es ein neues Projekt, das mit dem „Anne-Frank-Zentrum“ in Berlin gemeinsam umgesetzt wird. Ziel des Projektes ist das aktive Eintreten gegen Antisemitismus bei Jugendlichen. „Damit wollen wir uns in muslimischen Kreisen gegen Antisemitismus einsetzen“, so Nebahat Güçlü.
Zum Schluss des Gesprächs fasst die Hamburgerin aus der Türkei, die auf die Erfahrung von 30 Jahren Sozialarbeit in Altona zurückblicken kann, ihre Einsichten und Überzeugungen in zwei Sätzen zusammen. „Wir müssen über das ausgrenzende ‚Die Anderen‘ hinweg zum ‚Wir‘ kommen. Es ist die Vielfalt, die diese Gesellschaft nach vorne gebracht hat. Und es sind die mehr als eine halbe Million Menschen mit Migrationshintergrund, die mit dazu beigetragen haben, dass Hamburg eine Boom-Stadt ist. „Wir alle sind Hamburg!“

Türkische Gemeinde Hamburg

„Nous sommes Paris“ (Wir sind Paris): Gemeinsam mit Vertretern der Zivilgesellschaft, des französischen Konsulats, der Hamburgischen Bürgerschaft, der Gewerkschaften, Wohlfahrtsverbände, Wissenschaft und Religionsgemeinschaften hat die Türkische Gemeinde in Hamburg und Umgebung an der Kundgebung auf dem Domplatz am vergangenen Mittwoch aufgerufen.
Dort wurde gemeinsam um die vielen Toten der Anschläge in Paris getrauert. „Unsere Gedanken sind bei den Verletzten und Angehörigen. Die Terroranschläge richten sich gegen uns alle, gegen unsere Freiheit, Demokratie und unsere Art zu leben. Wir werden uns gegen Terror und Hass zur Wehr setzen. Hass, Gewalt und Angst dürfen keinen Platz haben. Wir werden Demokratie und Freiheit verteidigen. Wir werden uns niemals dem Terror beugen. Wir stehen fest an der Seite unserer französischen Freunde“, hieß es im Aufruf.
www.tghamburg.de
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