Wieder Leben im Dorf

Vor den Wegweisern: Claudia Kulenkampff gehört zu den Künstlern, die sich ab 2009 in der 2005 geschlossenen Grundschule niedergelassen haben. Fotos: rs
 
Dörfliche Idylle und Kunst: Im Sommer zeigten Künstler am Moorburger Elbdeich ihre Werke.

Allen Hafenerweiterungsplänen zum Trotz hat sich in Moorburg eine lebendige Kunstszene etabliert.

Von Reinhard Schwarz.
Vor den Häusern stehen Kirschbäume, die durch Netze vor hungrigen Vögeln geschützt werden. Zwischen Rosen und Efeu, der sich am roten Klinker des Bauernhauses hochrankt, sind kleine Skulpturen ausgestellt. Auf dem Dachboden zeigen Künstler ihre Gemälde. Sonnenblumen, Kirschblüte und Gartenmotive mit Schäfchenwölkchen. Im Garten stehen Besucher der Ausstellung „Kunst und Kirschen“ vor rostigen Pferdeskulpturen aus Metallplatten, im Rasen stecken bunte Fische aus gebranntem und glasiertem Ton. Die Kunst ist eingezogen in das frühere Bauerndorf, das seit 1375 zu Hamburg gehört und die Hansestadt einst mit Obst und Milch versorgte.
Seit 1982 ist Moorburg Hafenerweiterungsgebiet. Dazu bestimmt, wie das einstige Elbdorf Altenwerder von der Landkarte zu verschwinden. Und eigentlich hätte auf den seit Jahren nicht mehr bewirtschafteten Obstplantagen schon längst ein Containerterminal stehen müssen. Doch es kam anders: Nachdem die Hansestadt sich das Vorkaufsrecht auf die Häuser im Dorf gesichert hatte und seit geraumer Zeit mehr als 80 Prozent der Gebäude der städtischen Wohnungsgesellschaft Saga/GWG gehören, sind viele Moorburger weggezogen. Doch dafür kamen neue.
Einer von ihnen ist Rainer Böhrnsen (58). Der in Kiel geborene Diplom-Sozialwirt erwarb 1983 zusammen mit anderen Neu-Moorburgern ein Haus. „Die Idee bestand darin, ein Sperrgrundstück zu kaufen.“ Zugleich sei nach und nach „die politische Szene in den Ort geschwappt“. Eine prominente Moorburgerin war damals die GALierin Thea Bock, die gegen die geplante Hafenerweiterung, die Elbverschmutzung und für den Atomausstieg focht. Ende der 1980er Jahre verließ sie allerdings die Grünen im Dauerstreit mit Fundamentalisten in der GAL und trat der SPD bei.
Einer anderen Generation gehört Claudia Kulenkampff an. Die 38-Jährige lebt seit 2008 in Moorburg mit ihrer zwölfjährigen Tochter in einer Wohngemeinschaft mit einer ebenfalls allein erziehenden Mutter. Die geborene Osnabrückerin arbeitet als Kunsttherapeutin in einer Wilhelmsburger Grundschule sowie in einer Einrichtung für Kinder in schwierigen Lebenslagen. Das ist ihr berufliches Leben. In Moorburg gehört sie zugleich zu einer lebendigen Künstler-szene. Viele haben ihre Ateliers in der alten Grundschule des Ortes, die seit 2005 leer stand. In die einstigen Klassenzimmer sind Bildhauer, Fotografen und Maler eingezogen. Eine Keramikkünstlerin stellt Figuren her, die an Märchen angelehnt sind. Kulenkampff gehört zudem zum Runden Tisch, in dem in Moorburg alle politischen Fäden zusammenlaufen und Informationen ausgetauscht werden.
In Ausstellungen wie „Kunst und Kirschen“ oder wie kürzlich dem „Kunstcamp!“ unter dem streitbaren Motto „Moorburg forever“ lenken die Freischaffenden immer wieder die Blicke der Hamburger auf das Elbdorf, das sich gegen das ihm von oben bestimmte Schicksal wehrt. Auch das zwar fertig gestellte aber noch nicht ans Netz gegangene Kohlekraftwerk von Vattenfall wird ebenso wie die Hafenerweiterung abgelehnt.
Seit Jahren kämpfen die Moorburger zudem gegen Pläne der Hafenbehörde Hamburg Port Authority, auf einem Gebiet von 45 Hektar – das entspricht etwa der Fläche von mehr als 40 Fußballfeldern – eine 30 Meter hohe Deponie mit Elbschlick zu errichten. Auch die kürzlich bekannt gewordene Entscheidung der Sozialbehörde, drei ehemals Sicherheitsverwahrte in Moorburg unterzubringen, stößt bei vielen auf Unverständnis. Als habe der Ort nicht bereits genug Probleme.
Doch die Moorburger haben schon mehr Krisen durchstanden und geben sich optimistisch. Aus Sicht von Böhrnsen sei die geplante Hafenerweiterung für Moorburg vom Tisch. „Nach dem ersten Entwurf des neuen Hafenentwicklungsplans ist Moorburg keine Option mehr, sondern fällt unter den Begriff ‚sonstige Nutzung’“, ist sich Böhrnsen sicher. Andere widersprechen. So erklärte Susanne Meinecke, Sprecherin der Wirtschaftsbehörde: „Moorburg wird nach dem Entwurf für den neuen Hafenentwicklungsplan sicherlich in der Hafenerweiterung bleiben.“ Der Senat will am 9. Oktober entscheiden.
Wie auch immer: Böhrnsen streitet seit Jahren für seine Idee eines Wissenparks: „Hamburg hat keine großen Flächen mehr. Das einzige größere zusammenhängende Gebiet wäre das Spülfeld.“ Statt giftigen Elbschlick aufzuhäufen, könnten hier Wissenschaftler der TU Harburg gemeinsam mit Firmen der Spitzentechnologie Innovationen ausbrüten. Böhrnsen: „Zudem gibt es in Moorburg viele freie Wohnflächen für die Menschen, die dann hier arbeiten würden.“
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