Wer zur Waldorfschule möchte, muss durch den Wald

Das Waldorf-Konzept umfasst eine ganzheitliche Ausbildung der Schüler. Handwerke wie hier das Schmieden gehören deshalb ebenso zum Lehrplan wie Mathematik oder Deutsch. Fotos: Stephan Knauer
 
Die Eurythmie (Bewegungskunst) ist fester Bestandteil im Unterricht der Waldorf-Schulen.

In der Waldorfschule Harburg werden die Schüler nach dem Konzept von Rudolf Steiner unterrichtet

Jens Beeskow, Hausbruch

Eingebettet in ein idyllisches Waldstück in den Harburger Bergen liegt das Hauptgebäude der Rudolf-Steiner-Schule (RSS) Harburg beinahe versteckt da. Wer die Waldorf-Schule besucht, der muss zunächst vom Ehestorfer Heuweg aus einen recht steilen Weg bewältigen, bevor man das große Gebäude mit dem markanten Turm überhaupt zu sehen bekommt. Durchaus eine besondere Herausforderung, die es bei vielen anderen Schulen in dieser Form sicher nicht gibt. Aber mit besonderen Herausforderungen kennen sich die Schüler hier bestens aus.
Hier geht es nämlich nicht nur um gute Noten im durch PISA-Tests überprüfbaren Schulstoff. Vielmehr stehen gemäß des Waldorf-Konzepts, welches Schul-Namensgeber Steiner bereits vor gut 100 Jahren entwickelte, eher die Ausbildung der emotionalen Intelligenz und der Handlungskompetenz im Vordergrund. So sollen Schüler auf das künftige Leben vorbereitet werden. „Die Idee ist“, so Lehrer Klaus-Michael Maurer, „dass hier mit Herz, Hand und Kopf gelernt werden soll. Bei uns sollen Körper, Seele und Geist gleichwertig und gezielt gefördert werden.“
Es sei erwiesen, dass jemand besser denken kann, wenn er auch mit den Fingern geschickt ist. Wohl auch deshalb lernen bereits die Jungs in der ersten Klasse das Stricken – nicht zum Zeitvertreib, sondern als Teil einer ganzheitlichen Ausbildung. „Natürlich können unsere Schüler am Ende auch Lesen, Schreiben und Rechnen, aber wir bilden eben keine Mathematiker aus, sondern wollen die Menschen damit in ihrer Entwicklung fördern. Und dafür können sie am Ende der Schulzeit eben noch ein bisschen mehr“, so Maurer. Die Idee Rudolf Steiners sei es, dass angehende Maler und angehende Anwälte gemeinsam lernen und aufwachsen.
Klischees sind hilfreich für den Einstieg ins Gespräch
Lisa Lehmann, Schülerin der zwöften Klasse, beschreibt eine besondere Atmosphäre an der Waldorf-Schule: „Ein besonders fantasievolles Kind geht an einer normalen Schule womöglich unter. Hier wird es hingegen individuell gefördert. Außerdem haben wir hier eine sehr familiäre Lernumgebung, auch, weil wir von der ersten Klasse bis hin zum Abitur zusammen sind.“ Mitschülerin Martha Bücker ist mit fast drei Jahren in die angegliederte Kita gekommen, hat damit gut 14 ihrer erst 17 Lebensjahre in der Waldorf-Gemeinschaft in Harburg verbracht. „Die Schule stellt einen großen Teil unseres Lebensumfelds dar. Da muss alles stimmen, wenn man hier so viel Zeit miteinander verbringt.“ Da kommt es nicht von ungefähr, dass man die beiden Schülerinnen selbst in der Ferienzeit auf dem Schulgelände antrifft.
Gemeinschaft – das ist ein Kernpunkt in der Waldorf-Schule. Es gibt keinen klassischen Direktor oder Schulleiter. Wichtige Entscheidungen werden im Lehrerkollektiv getroffen. „Wir verteilen sozusagen Kompetenzhüte, haben verschiedene Leiter bestimmter Lehrerkonferenzen“, beschreibt Lehrerin Astrid Klose. „Das kann auch mal wechseln, aber man hat dadurch auch nicht mehr zu sagen.“ Dieses Vorgehen habe den Vorteil, dass am Ende alle hinter einer getroffenen Entscheidung stehen und voll mitziehen.“ Der Nachteil, so Klose schmunzelnd, sei aber auch, dass Entscheidungsprozesse mitunter etwas länger dauern könnten.
Dass die 235 Waldorf-Schulen in Deutschland mitunter belächelt werden und mit Klischees zu kämpfen haben, sieht man bei der Rudolf-Steiner-Schule ganz locker. „Die erste Frage ist natürlich immer, ob ich auch meinen Namen tanzen kann“, sagt Lisa Lehmann. Auch hieße es dann oft, „wir würden ja nur Bio essen und Bäume pflanzen. Aber letztlich sind wir froh darüber, dass es diese Vorurteile gibt. Wir erzählen und erklären das dann gern.“ Die Waldorf-Pädagogik ist gerade durch dieses Klischeehafte aus der Nische herausgekommen, ist mittlerweile akzeptierter als es noch vor Jahren der Fall war.
Natürlich ist Eurythmie, also der darstellende Tanz, dem auch das Namentanzen entspringt, Bestandteil des Waldorf-Unterrichts. „Schon in der frühen 1990er-Jahren wurde unter anderem erforscht, dass derjenige, der sich ästhetisch im Raum bewegen und orientieren kann, zum Beispiel besser mit Zahlen umgehen kann“, erklärt Eurythmie-Lehrerin Astrid Klose. „Da ist immer ein Pianist dabei, man läuft als Schmetterling, als Riese oder als Pferd und fühlt sich dabei jedes Mal anders. Das schult das Körpergefühl und gibt uns ein größeres Spektrum, wie man sich fühlen darf.“
Kompliziertes Projekt kommt voran
Doch das Fach Eurythmie ist nicht das einzige, welches es an der Waldorf-Schule zusätzlich zum klassischen Lehrplan staatlicher Schulen gibt. Der Staat übt das Schulaufsichtsrecht zwar auch über die Waldorf-Schulen aus und gibt Lehrpläne in vielen Bereichen vor. Die Waldorf-Pädagogik hat in verschiedenen Bereichen aber grundsätzlich andere Vorstellungen. Und so haben die Schüler an der RSS zum Beispiel fünf Stunden pro Woche Handwerk als Unterrichtsfach. Da gibt es Gartenbau, Korbflechten, Buchbinden, aber auch Tischlern, Steinmetzen und Schmieden. „So ist zwar der Schultag etwas länger als an anderen Schulen, dafür haben wir eine deutlich größere Vielfalt“, lobt Martha Bücker. „Man hat hier nach der Schule das Gefühl, man könnte in Zukunft jeden Beruf ausüben.“
Weil in den vergangenen Jahren immer mehr Kinder angemeldet wurden, plant die Rudolf-Steiner-Schule schon seit über drei Jahren eine Erweiterung des Kita-Bereichs. Im Bereich der Cuxhavener Straße gibt es ein geeignetes, bebautes Grundstück. „Der Landesbetrieb Immobilienmanagement und Grundvermögen Hamburg (LIG) hat es zum Kauf angeboten, aber zu einem unverhältnismäßig hohen Preis. Dazu dürfte man das dort stehende Gebäude zwar abreißen, dann aber nicht mehr neu bauen. Also muss saniert werden“, so Maurer. Nach mehreren Gutachten und Verhandlungen kam man sich näher. Kürzlich entschied der Verein zur Förderung der Waldorfpädagogik Harburg, das Areal zu kaufen. In Zukunft wolle man dort ein Waldorf-Kinderzentrum errichten – mit einer Krippe und einem erweiterten Kita-Bereich. Nun warten der Vorstand und das Kollegium noch auf die Zustimmung des LIG.

Schulen
In Hamburg gibt es insgesamt elf Waldorfschulen, darunter auch vier heilpädagogische Rudolf-
Steiner-Schulen.

- Rudolf-Steiner-Schule, Bergstedt, Tel. 645 08 20
- Rudolf-Steiner-Schule,
Harburg, Tel. 797 18 10
- Rudolf-Steiner-Schule, Nienstedten, Tel. 822 40 00
- Rudolf-Steiner-Schule, Wandsbek, Tel. 645 89 50
- Rudolf-Steiner-Schule,
Bergedorf, Tel. 72 12 22 2
- Rudolf-Steiner-Schule,
Altona, Tel. 41 00 99-3
- Christian Morgenstern
Schule Eimsbüttel,
Tel. 41 35 94 44

Heilpädagogische
Waldorfschulen
- Christophorus-Schule,
Tel. 604 42 80
- Michael Schule Harburg,
Tel. 709 73 77 80
- Raphael-Schule,
Nienstedten, Tel. 81 99 26-40
- Friedrich Robbe Institut, Marienthal, Tel.  68 44 55
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