„Wer grunzt denn da?“

Drei Männer auf dem Weg nach ganz oben: Bernd Wand, Torsten Bage und Dirk „Dickie“ Schubert (v.l.), der sich für den weltweiten Markt nun Dickie Starshine nennt. Foto: Sabine Deh

Fraktus im hamburgischsten Interview ihrer Karriere: Dickie Schubert hat sein Bierbike abgestellt, Bernd Wand das elterliche Optikergeschäft verlassen, um im Verbund mit Vollprofi Torsten Bage am 27. August auf dem "Müssen alle mit"-Festival in Stade zu liefern

Fraktus, das sind bekanntlich drei starke Charaktere. Beschreibt bitte das Innenleben der Band.
Bernd Wand: Wenn man uns sieht, ist das große Thema „Freundschaft“. Was die Leute nicht wissen, obwohl sie es eigentlich wissen könnten, ist dass Freundschaft per se erst einmal nichts Schönes ist. Freundschaft ist meistens anstrengend. Wenn man Freunde hat, wird man die nicht wieder los. Freundschaft ist eine Sache, mit der man klarkommen muss. Und das ist unsere Freundschaft. So kann man die am besten beschreiben.
Dirk „Dickie“ Schubert: Neurodermitis wird man auch nicht einfach so los.
Torsten Bage: Es ist so, dass unsere Freundschaft in den Achtzigerjahren geprägt wurde. Da herrschte noch ein ganz anderer Zeitgeist. Insgesamt war die Stimmung viel aggressiver. Geprägt davon, dass wir damals zu kurz gekommen sind. Das hat sich wie ein roter Faden durchgezogen. Aber wir benötigen die Freundschaft gar nicht. Wir müssen sie nur anzapfen, wenn wir uns sehen. An Tagen wie heute. Ansonsten haben wir ein neues Ding eingeführt: Wir proben per Skype.

Die Freundschaft haltet ihr vor, falls mal irgendetwas passiert.
Dirk „Dickie“ Schubert: Wie im Kohlenkeller. In den Kohlenkeller geht man ja auch nur, wenn es kalt wird.

Gab es Situationen, wo ihr ein bisschen Wärme miteinander gebraucht habt?
Torsten Bage: Man muss sich vorstellen: 30 Jahre, davon 19 quasi nicht gesehen.
Dirk „Dickie“ Schubert: 19 Jahre war Freizeit. Da mussten wir gar nicht runter in den Keller. War ja eine schöne Zeit ohne uns. Eine sehr erholsame Bandpause. Dass wir dann wieder anfangen mussten, war natürlich nicht so angenehm.

Bei euch kommt Qualität zuerst von Qual. Könnt ihr die Qualen beschreiben?
Torsten Bage: Ich würde es anders formulieren. Klein Lieschen stellt sich das immer so vor: kreativ sein, irgendwas machen. Wie läuft das so? Der Geistesblitz, der Musenkuss, die Inspiration. Das stimmt aber nicht. Es gibt einen Satz, der da lautet: Amateure warten auf Inspiration. Profis setzen sich hin und arbeiten. Und so habe ich es zumindest mein Leben lang gehalten. Im Gegensatz zu den beiden anderen habe ich Musik nicht nur als Steckenpferd gesehen, sondern habe weiterbetrieben. Ich war darauf angewiesen, bei mir musste es um neun Uhr losgehen, und ich musste liefern. Ich bin jemand, der liefern muss. Sein Leben lang.
Bernd Wand: Er ist so eine Art ... Lieferdienst.
Dirk „Dickie“ Schubert: Die Billigpizza.
Torsten Bage: Die Polemik kannst du dir sparen.
Bernd Wand: Aber du kannst mir tatsächlich heute Abend mal eine Pizza Hawaii bringen, wenn du Zeit hast.
Dirk „Dickie“ Schubert: Mit Musik oben drauf. Plattenteller.

Ihr singt nun auch auf Englisch. Wie weit führt der Weg von Fraktus?
Bernd Wand: Wir sagen ganz klar, dass wir uns in der obersten Etage der obersten internationalen Musikpyramide einnisten wollen. Deswegen müssen wir auch ganz klar englische Worte benutzen.
Dirk „Dickie“ Schubert: Ich möchte einen neuen Spruch anbringen, den ich mir überlegt habe heute Nacht, der das beides zusammenbringt. „Fraktus sind nicht nur nett. Fraktus sind Internet!“

(Alle schweigen) Apropos, Dirk, betreibst du noch dein Internetcafé in Eimsbüttel?
Dirk „Dickie“ Schubert: Das ist geschlossen worden.
Torsten Bage: Du kannst ja mal sagen, was du machst. Er hat seit zwei Jahren ein neues ganz großes Ding am Laufen. Leider schon wieder Tempi passati. Aber erzähl mal selber.
Dirk „Dickie“ Schubert: Ich habe mir von meinem Geld ein Bierbike gekauft und dann selber die Fahrten übernommen. Bin aber meinen Führerschein losgeworden, wegen Alkohol. Das Bierbike steht jetzt hinter meinem Wohnhaus im Hinterhof. Wir dürfen das in der Stadt nicht mehr einsetzen. Für mich extrem ärgerlich. Aber ein Bierbike hält ewig. Ich kriege meinen Lappen ja wieder, dann wird das Ding noch zum Einsatz kommen.

Ein Bierbike, das die Innenstadt bereichert.
Dirk „Dickie“ Schubert: Genau. Die Menschen haben gute Laune, sie können sich voran bewegen. Es ist sportlich und es bringt Spaß.
Bernd Wand: Was ich echt nicht verstehe: Wo ist die Toilette?
Dirk „Dickie“ Schubert: Ja äh, jetzt kommen wir zu dir. Was du machst.
Bernd Wand: Ich mache ja nichts. Ich geh arbeiten ganz normal. Beim Optiker. Läuft gut. Ganz normal wie immer.
Torsten Bage: Also eine Goldgrube ist es nicht, aber läuft halt.

Was gefällt euch an Hamburg?

Dirk „Dickie“ Schubert: Bierbikes, das wäre es von meiner Seite aus.
Bernd Wand: Ich finde toll, dass Hamburg die Stadt der Autos ist. So eine richtige Autocity. Viele rote Ampeln.
Torsten Bage: Einkaufen kann man gut hier.
Dirk „Dickie“ Schubert: Einkaufsstadt.
Bernd Wand: Supermärkte.
Dirk „Dickie“ Schubert: Alles da, kann man sagen.
Bernd Wand: Hamburg, Stadt mit alles.

Und was gar nicht?
Dirk „Dickie“ Schubert: Verkehr. Zuviel Verkehr, zu viele Autos. Rote Ampeln.
Torsten Bage: Aber du hast doch gerade gesagt, dass das gut ist.
Bernd Wand: Dass das gut ist, haben wir nicht gesagt.
Dirk „Dickie“ Schubert: Dass es da ist. Dann die ganzen Geschäfte überall. Dass es so kommerziell ist.
Torsten Bage: Hamburg ist kommerziell geworden. Stimmt.
Dirk „Dickie“ Schubert: Hamburg ist ja nicht das Hauptthema von uns.

Und künstlerisch?
Torsten Bage: Unser Ding ist, dass wir weitgehend autark sind. Einflussbefreit.
Bernd Wand: Hamburg hat mehr Autos wie Venedig Brücken.

Dirk, dein internationaler Name lautet Dickie Starshine. Warum?

Dirk „Dickie“ Schubert: Das Licht der Sterne ist das Licht, das am meisten herumgekommen ist.

Also ist dein Licht möglicherweise schon seit Millionen Jahren unterwegs?
Bernd Wand: Richtig ausgeblichenes, gelbes Licht.
Torsten Bage: Dickie Starshine, alles klar.
Bernd Wand: Da kommt der Strahl um die Ecke gehumpelt.

Mit eurem aktuellen Album „Welcome To The Internet“ seid ihr in der Digitalisierung angekommen.
Dirk „Dickie“ Schubert: Das Wort wird bei uns mit „ck“ geschrieben.
Bernd Wand: Also Interneck?
Dirk „Dickie“ Schubert: Nein, Dickietalisierung. Das heißt es ist eine rein digitale Platte. Diese Platte ist auf endlosen Fahrten mit der Regionalbahn auf iPads und auf verschiedenen digitalen Medien entstanden.
Torsten Bage: Und wenn die Frage aufkommt: „Wieso Internet. Ist doch ein alter Hut, gibt es seit 20 Jahren“, können wir diese Frage sehr gut beantworten. Indem wir sagen: Ja gibt es. Aber wir wollen die junge His-torie des Internets auf unserem Album nacherzählen.
Dirk „Dickie“ Schubert: Weil wir an der Gründung beteiligt waren.
Bernd Wand: Im Grunde ja.
Torsten Bage: Ich tue mich damit ein bisschen schwer. Ich kann nur das für mich in Anspruch nehmen, was ich verifizieren kann. Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass die Einflüsse, die Fraktus in den Achtzigerjahren gehabt hat, taktgebend waren, für die Entwicklung des Internet. Aber ich kann es nicht beweisen, und was ich nicht beweisen kann, behaupte ich auch nicht. Das ist immer meine Devise gewesen und damit bin ich ganz gut gefahren.

Seid ihr überrascht vom Erfolg?
Torsten Bage: Also die letzte LP, die parallel zum Film entstanden ist, ist ja leider kein Geniestreich. Die ist also eher schwach. Was damit zu tun hat, dass mir die Kontrolle etwas englitten ist. Parallel lag mein Fokus auf dem Film. Ich habe die Kollegen, in Gänsefüßchen, alleine gelassen. Ich fand das Album echt schrottig, muss ich sagen. Aber dafür ist das neue Album um so besser geworden.
Dirk „Dickie“ Schubert: Fünf Wochen vor Ende unserer Aufnahmen hat er begriffen, dass wir eine neue Platte aufnehmen, und ist dann zwei Wochen vor Ende der Aufnahmen mal angekommen. War er überhaupt im Studio?
Bernd Wand: Ich dachte nur: Wer grunzt denn da? Vielleicht hat er auch geflötet, ich konnte es nicht hören. Irgendein Geblubber kam da raus.
Dirk „Dickie“ Schubert: Zum Flötenspiel kann ich nur eine Kleinigkeit anmerken. Klingt wie eine Flöte. Ist es aber nicht.
Torsten Bage: Offensichtlich gibt es hier eine kleine Palastrevolte. Zwei gegen eins.
Dirk „Dickie“ Schubert: (pfeift eine Melodie) So war es doch. Das ist die Wahrheit.


Fraktus

Die legendäre Techno-Combo aus Brunsbüttelbesteht aus Dickie Starshine (zuvor Schubert), Bernd Wand und Torsten Bage. Dahinter verbirgt sich das Hamburger Komikertrio Studio Braun: Rocko Schamoni, Jacques Palminger und Heinz Strunk. 2012 kam „Fraktus – das letzte Kapitel der Musikgeschichte“ von Lars Jessen in die Kinos. Darin werden Fraktus von diversen Musikern wie Jan Delay und H. P. Baxxter von Scooter als die „Erfinder des Techno“ gefeiert. Im November 2015 erschien das Album „Welcome To The Internet“, live waren Fraktus in der doppelt ausverkauften Großen Freiheit zu erleben.
❱❱ www.fraktus.de

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