Wenn deine Nachbarschaft zum Szeneviertel wird

Rot heißt teuer: Die Ergebnisse der Schüler des Gymnasiums Ohmoor zeigen, wo die Szeneviertel liegen. Grafik: Gymnasium Ohmoor
 
Für ihre Drei-Zimmer-Wohnung zahlt Angela Oliveri derzeit rund 800 Euro warm. „Klingt nach wenig, aber für mich ist es viel“, sagt sie. Foto: cvs

Angela Oliveri (55) möchte ihre Ottenser Saga-Wohnung seit vier Jahren gegen eine kleinere tauschen

Ch. v. Savigny, Ottensen

Die ganze Plackerei von Angela Oliveri nimmt einen dicken Aktenordner in Anspruch: Wohnungsanzeigen, fotokopierte Dokumente, ausgedruckte E-Mails, Listen von Baugenossenschaften, Zeitungsartikel zum Thema Wohnen. Die 55-Jährige reicht ein einzelnes Blatt aus dem Ordner herüber. Einer Anzeige für eine Wohnung in Ohlsdorf: 60 Quadratmeter, 530 Euro warm. „Es hat alles gepasst“, sagt sie. Zwar nicht ihr Stadtteil, aber dafür stimmte der Mietpreis. Und auch beim Besichtigungstermin hinterließ das Objekt einen prima Eindruck. Doch die Hoffnungen der Ottenserin waren letzten Endes vergeblich. „Erst nach einem halben Jahr habe ich die Ablehnung bekommen!“, ärgert sie sich.
Mittlerweile seit vier Jahren ist Angela Oliveri auf der Suche nach einer neuen Bleibe. Zurzeit lebt sie in einer 80-Quadratmeter-Wohnung mit drei Zimmern am Holstenring. Die ruhig gelegenen Rotklinkerhäuser wurden in den 1980er Jahren erbaut und gehören der Saga. Als Teilzeitangestellte in einem Schulbüro kann sich Oliveri die Monatsmiete gerade so eben leisten. Eines ihrer Zimmer hat sie untervermietet, das Zusammenleben funktioniert gut. Im Grunde also kein Grund zur Klage, möchte man meinen – zumal sich wahrscheinlich Dutzende von Wohnungssuchenden die Finger nach ihren vier Wänden lecken würden.
Mieterhöhungen stehen 2018 ins Haus
Das Problem: Im Januar 2018 läuft die gesetzliche Mietpreisbindung für die Häuser am Holstenring aus. Die Saga hat bereits Erhöhungen angekündigt. „Moderat“ zwar – nicht mehr als 30 Euro pro Wohnung fürs erste – aber dennoch zuviel für Oliveri, die nach eigener Aussage seit zehn Jahren nicht mehr in Urlaub gefahren ist. „Meine große Angst ist die Staffelmiete“, sagt sie. Viele kleine Erhöhungen nacheinander: „Am Ende kommt es aufs gleiche raus wie eine große Mietanhebung“, glaubt sie. Die Ottenserin, die schon seit 30 Jahren im Stadtteil wohnt und sich dort verwurzelt fühlt, hat versucht, ihre Wohnung bei der Saga gegen eine andere – kleinere – zu tauschen. Das klappte nicht – warum auch immer. „Noch nicht mal auf eine Warteliste konnte man sich setzen lassen“, berichtet sie.
Hohe Nachfrage nach kleineren Wohnungen
Saga-Sprecher Gunnar Gläser sagt, dass ein Wohnungswechsel innerhalb des Konzerns „grundsätzlich möglich“ sei, wenn ein entsprechendes Gesuch vorliege. „Die Saga Unternehmensgruppe unterstützt insbesondere Mieter mit sich verändernden Lebenssituationen – wie in diesem Fall ältere Menschen – bei der Suche nach einer kleineren Wohnung im jeweiligen Quartier“, so Gläser. Dadurch könnten größere Wohnungen wieder an Familien vermietet werden. „Erfahrungsgemäß beschränkt sich die Wohnungssuche allerdings häufig sehr kleinräumig auf den aktuellen Wohnstandort. Derzeit gibt es eine hohe Nachfrage nach günstigem Wohnraum in Hamburg, dies gilt für Ottensen besonders“, so der Saga-Sprecher.
Überdies nehme die Saga auch Mietgesuche an – für einen Maximalzeitraum von zwölf Monaten. Danach müsse man sich als Interessent erneut bewerben.
Nach Angaben des Mietervereins zu Hamburg dürfen die Mieten am Holstenring innerhalb der nächsten drei Jahre um höchstens 15 Prozent ansteigen. „Es wundert mich, dass die Saga der Mieterin nicht mehr entgegenkommt, zumal doch so händeringend Wohnungen für Familien gesucht werden“, sagt der Vereinsvorsitzende Siegmund Chychla. Er rät Frau Oliveri Wohngeld zu beantragen, oder im Notfall sogar ein weiteres Zimmer unterzuvermieten.
„Ottensen ist ein begehrter Stadtteil“, so Chychla. „Auf dem freien Markt ginge die Wohnung nicht unter zwölf Euro kalt pro Quadratmeter weg!“
Nach Angaben des Mietervereins ist die durchschnittliche Nettokaltmiete in Hamburg innerhalb der letzten 15 Jahre stetig angestiegen – von rund sechs auf acht Euro pro Quadratmeter. Insbesondere Neumieter zahlen oft weitaus mehr: Laut Mieterverein liegt der Preis im Durchschnitt 55 Prozent über dem ortsüblichen Mietenspiegel.
Und was ist mit den anderen Wohnungsbaugenossenschaften? Altonaer Spar- und Bauverein (Altoba), Bauverein der Elbgmeinden (BVE) und Co? „Die nehmen einen nicht“, sagt Oliveri. Weil die Wartelisten längst überfüllt seien. „Vor 20 Jahren hätte ich für 250 D-Mark bei der Altoba einsteigen können, aber ich habe es nicht gemacht“, hadert sie mit sich selbst. „Wieso auch? Damals waren ganz andere Stadtteile angesagt.“

Kein Einzelfall
Seit vier Jahren sucht Angela Oliveri eine bezahlbare Wohnung. Die Zahlen einer von Oberstufenschülern des Gymnasiums Ohmoor (Niendorf) erstellten Studie, ergab für 2015 einen rasanten Anstieg von 5,6 Prozent, während die allgemeinen
Lebenshaltungskosten um lediglich 0,3 Prozent stiegen. Die durchschnittliche Neuvertragsmiete für eine Wohnung in Hamburg beträgt 12,45 Euro pro Quadratmeter. Zum Vergleich: Der aktuelle Hamburger Mietenspiegel weist eine Durchschnittsmiete von 8,02 Euro pro Quadratmeter aus. Für 2016 werden die Zahlen am Dienstag vorgestellt. Sie dürften für Mieter ähnlich ernüchternd ausfallen. „Die Studie der Schüler ist erfahrungsgemäß sehr zielgenau“, sagte Siegmund Chychla, Vorsitzender des Mietervereins zu Hamburg, V. STAHL
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