„Weltweit ungewöhnliches Schachturnier“

Denksport in der Pausenhalle: Diese Heimfelder Schüler spielten Senterej auf herkömmlichen Schachbrettern. Foto: Aruna Kakalur Foto: Aruna Kakalur
 
Die jungen Heimfelder Senterej-Strategen mit ihren Urkunden, die ihnen Turnierdirektor Jürgen Woscidlo (r.) überreichte. Foto: Aruna Kakalur

Heimfelder Schüler messen sich im äthiopschen Denksport Senterej

René Gralla, Harburg

Ein Hauch von Fernweh und exotischen Landschaften weht durch die Pausenhalle der Integrativen Grundschule Grumbrechtstraße. Und das, obwohl es hier doch eigentlich nur um Schach geht. Allerdings unter ziemlich ungewöhnlichen Vorzeichen: An diesem Freitagnachmittag messen sich die Heimfelder Kids im „Senterej“, und das ist eben eine sehr spezielle Version des Königlichen Spiels – die sich nämlich vor Jahrhunderten im damaligen Kaiserreich Äthiopien entwickelt hat.
Ein afrikanischer Beitrag zur Kultur des Denksports, den
bestenfalls eine Handvoll Experten kennt. Und den Schachlehrer Jürgen Woscidlo um so lieber in sein Unterrichtsangebot aufgenommen hat: „Senterej ist eine wirkliche Entdeckung“, sagt der 50-Jährige. „Denn die Jugendlichen erfahren quasi spielerisch auch etwas über eine äußerst spannende Region im östlichen Afrika.“
Aber worin unterscheidet sich nun das ominöse Senterej vom Mainstreamschach? In der afrikanischen Ausgabe werden die eigentlich standardmäßigen „Läufer“ von robusten Elefanten ersetzt, und den äthiopischen „Negus“, so die Originalbezeichnung für die Königsfigur, begleitet auf dem 64-Felder-Plan bloß ein devoter Minister mit deutlich eingeschränkten Handlungsmöglichkeiten an Stelle einer dominanten „Dame“.
Der Clou ist freilich die wilde Phase am Anfang einer Senterej-Partie. Dann regiert der absolute Ausnahmezustand des „Werera“, übersetzt „Mobilisierung“: Die beiden Matchteilnehmer dürfen die eigenen Truppenteile maximal schnell in günstige Positionen dirigieren, ohne erst auf die jeweiligen Reaktionen der anderen Partei warten zu müssen. Bis endlich der erste Stein vom Brett genommen wird, das aktiviert sofort den sonst üblichen Spielrhythmus aus Zug und Gegenzug.
Das Spiel beginnt mit einer „wirren Phase“
Das oft chaotische Werera verlangt Übersicht, Nervenstärke und flinke Finger. Ein Megaspaß für die Mädels und Jungs, die heute im Senterej-Turnier starten, das Jürgen Woscidlo organisiert hat: Türme, Pferde und Elefanten wirbeln durcheinander, und manches Treffen ist bereits entschieden, bevor die Zuschauer überhaupt begriffen haben, wer vorne liegt.
Und über allem wacht eine schöne Frau mit prächtigem Diadem: das Poster an einer Stellwand zeigt Äthiopiens einstige Kaiserin Taytu Betul (1851-1918). Weil Turnierdirektor Jürgen Woscidlo seine ohnehin nicht gerade alltägliche Veranstaltung wie schon im Mai 2016, als er zum ersten Mal einen Senterej-Wettkampf ausschrieb, gewidmet hat jener durchsetzungsstarken Herrscherin, die 1896 gemeinsam mit ihrem Gatten Menelik II. in die Schlacht von Adwa ritt und eine italienische Invasionsarmee besiegte. Und die ansons- ten im gesellschaftlichen Umgang ausschließlich solche Männer akzeptierte, die auch im Senterej zu überzeugen
wussten.
Trotz dieser stolzen Vergangenheit ist das Äthiopien-Schach in seinem Mutterland kaum mehr präsent. Ein Zustand, mit dem sich der bekennende Senterej-Liebhaber Jürgen Woscidlo aber nicht abfinden möchte: „Das Spiel ist vital, reflektiert den African Spirit. Und darf nicht in Vergessenheit geraten!“ Deswegen treibt er sein persönliches Projekt, ein Revival des Senterej, entschlossen voran: Das diesjährige „2. Kaiserin Taytu Betul-Memorial“ dürfte nach der Premiere vor gut zwölf Monaten erneut weltweit konkurrenzlos gewesen sein.
Nach hart umkämpften fünf Runden triumphiert der Elfjährige Ghreesham Manjunath im Tie-Break vor dem Zweitplatzierten Elefterios Petridis (10). Während Supertalent Veenit Kolli einen Sonderpreis nach Hause trägt, als jüngster Teilnehmer mit erst vier (!) Jahren.
Und Schach-Guru Jürgen Woscidlo? Der bereitet den nächsten Schritt vor: eine Senterej-Demonstration im Rahmen des Afrika Festivals 2017, voraussichtlich im August in Altona.
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.