Was wird aus dem KoZe?

Auge in Auge mit der Staatsmacht: Polizisten am Bauzaun in der Norderstraße. Foto: koze
 
Farbenspiel: Ein Lichtmast der Bereitschaftspolizei erhellt bei Nacht den Kita-Hof. Die KoZe-Aktivisten setzen ihre eigene „Lichtorgel“ dagegen. Foto: koze

Hausbesuch im Kollektiven Zentrum im Münzviertel, das von der Räumung bedroht ist

Von Christopher von Savigny. Die Geräuschkulisse im ersten Stock der ehemaligen Kita Norderstraße 65 lässt auf rege Betriebsamkeit schließen. Schon im Treppenhaus ist laute Musik zu hören, im Flur stapeln sich Fahrradteile, halbfertige Möbel und Elektrozubehör. Es wirkt, als werde hier richtig viel getan. Die Tür zu einem der Zimmer steht weit offen: Rund 15 junge Leute sitzen auf dem Fußboden und lassen sich in die Geheimnisse des Fahrrad-Rahmenbaus einweihen.
Der „Tall-Bike-Workshop“ ist nur einer der regelmäßigen Termine im selbst ernannten Kollektiven Zentrum (KoZe) im Hamburger Münzviertel: Montags wird Capoeira getanzt, dienstags steht Thaiboxen auf dem Programm. Am Mittwoch treffen sich die Filmemacher, donnerstags kann man an einem Parkourtraining teilnehmen. Freitags Mediation oder nochmal Capoeira, am Wochenende Gartenarbeit, Kinoabend oder gemeinsames Kochen. Insgesamt gut 30 Veranstaltungen stehen auf dem Wochenplan der Initiative. „Das ist einer der Gründe, weshalb ich hier bin“, sagt KoZe-Aktivistin Sara, die ihren wahren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Sie spricht von Freiräumen und der Möglichkeit, sich selbst zu verwirklichen. „Wo kann man sonst schon gratis einen Schweißkurs besuchen?“

Finanzbehörde: „Zusage hat es nie gegeben“

Seit Herbst vergangenen Jahres haben die KoZe-Leute das Gebäude unweit des Hauptbahnhofs besetzt. Oder gemietet – je nach Blickwinkel. Fakt ist: Offiziell darf die Initiative nur das 70 Quadratmeter große Erdgeschoss und einen Teil der Außenfläche nutzen. So steht es im Vertrag, der mit dem Landesbetrieb Immobilien und Grundvermögen (LIG) abgeschlossen wurde. Doch die KoZe-Aktivisten haben auch die oberen Stockwerke in Beschlag genommen, außerdem ein Stück des Hinterhofs, der zur benachbarten Gehörlosenschule gehört. „Die Räume stehen sowieso leer, und wir brauchen Platz, weil wir so viele Anfragen haben“, sagt Sara. Die Ausweitung des Mietvertrags sei sogar schriftlich vereinbart worden. Allerdings ist die Finanzbehörde da anderer Meinung. „Eine solche Zusage hat es nie gegeben“, sagt Behördensprecher Daniel Stricker.
Die Stadt hat das rund 8.000 Quadratmeter große Areal an den Immobilieninvestor Hanseatische Baukonzept GmbH (HBK) verkauft. Der möchte dort knapp 500 Wohnungen bauen. Etwa 70 Millionen Euro werden investiert, geplanter Baustart ist im Herbst 2016.
Auf dem Gelände der ehemaligen Gehörlosenschule ist geplant, vorübergehend Container aufzustellen, um 400 zusätzliche Plätze für das Winternotprogramm des Senats zu schaffen.
Ende Juli war die Polizei mit Räumfahrzeugen und Schneidegeräten angerückt, um sich Zutritt zum Gelände zu verschaffen. Eine Handvoll Bewohner versuchten die Aktion mit Sitzblockaden zu stören. Die Beamten seien mit äußers ter Brutalität vorgegangen, heißt es von KoZe-Seite. Einige Aktivisten seien regelrecht verprügelt worden.

KoZe spricht von einem „Überfall“ der Polizei

Offiziell wird die Polizeiaktion mit „vorbereitenden Sanierungsarbeiten“ begründet. Seither ist das Gelände von einem Bauzaun umgeben, der rund um die Uhr bewacht wird. Zwei Polizisten haben dort für die kommende Nachtschicht Stellung bezogen. Das Verhältnis mit den KoZe-Aktivisten ist gar nicht so schlecht. Man begrüßt einander, redet ein paar Takte. „Man kann es so ausdrücken: An dieser
Stelle prallen Interessen aufeinander“, sagt Hauptkommissar Hans-Georg Smak. „Aber wichtig ist ja auch, dass die Kommunikation erhalten bleibt. Alles andere bringt uns nicht weiter.“
Bei allem Bemühen um einen freundschaftlichen Umgangston bleiben die Nutzer des Geländes skeptisch. Sie sprechen von einem „Zustand der Belagerung“, der morgendliche Polizeiaufmarsch heißt in ihrem Jargon „Tag des Überfalls“. Primäres Ziel war schon immer ein neuer Mietvertrag – nun steht möglicherweise eine Räumung bevor. „Wir fühlen uns beobachtet“, sagt KoZe-Aktivist Lou. Er und seine Leute fänden diesen Zustand „demoralisierend“.
Kürzlich hat das Bezirksamt Mitte den Abriss der Gebäude genehmigt. Der Vertrag zwischen den Nutzern und dem LIG kann monatlich gekündigt werden. Wann das der Fall sein wird, weiß niemand so genau. „Sobald es der Baufortschritt erforderlich macht“, sagt Stricker.
Am vergangenen Mittwoch zeigte sich, was damit gemeint ist. Ohne das den Mietern des KoZe zuvor anzukündigen, wurde die benachbarte ehemalige Gehörlosenschule ab sechs Uhr durch ein Großaufgebot der Polizei abgerissen. Dort kreiste den ganzen Tag der Polizeihubschrauber.
Die Aktivisten sprachen von einem „Überfall. Auch der Teil des Hofes, den das KoZe angemietet hat, wurde beschlagnahmt und mit einem Zaun abgesperrt.“ Am Abend wurde gegen diese „Politik mit der Abrissbirne“ im Münzviertel demonstriert.
Egal, wie der Konflikt ausgeht scheint nur eins sicher: Das Thema KoZe wird die Hamburger Politik in den kommenden Wochen intensiv beschäftigen.

Linksautonomer Hotspot?

Der Polizeieinsatz vom vergangenen Mittwoch gegen das Kollektive Zentrum wurde in der Hamburgischen Bürgerschaft kontrovers diskutiert. Die Linke hatte den Tagesordnungspunkt mit dem Titel „Demokratie wagen! Mit dem
Kollektiven Zentrum sprechen!“ für die Aktuelle Stunde eingebracht.
Der CDU-Abgeordnete Joachim Lenders warf dem Senat vor, im Münzviertel einen „linksradikalen Hotspot“ entstehen zu lassen. Finanzsenator Peter Tschentscher (SPD) entgegnete, die Maßnahmen für den Wohnungsbau und die dort geplanten Unterkünfte für das Winternotprogramm würden „Norfalls mit Polizei“ umgesetzt.
Christine Schneider von der Linken forderte den Senat auf, zu deeskalieren. „Die Verantwortlichen täuschen die Öffentlichkeit. Es gibt in diesem Konflikt legitime Interessen der Bewohnerinnen und Bewohner des Münzviertels und der Nutzerinnen und Nutzer des KoZe. Und es gibt natürlich GesprächspartnerInnen.“
Die zuständige Finanzbehörde spiele sich in dem Konflikt auf, „wie ein absolutistischer Machthaber“.
http://koze.in/ EW
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