„Was bleibt, wenn ich nicht mehr da bin?“

Stifterin Elisabeth Grundmann Ende der 1960er-Jahre in Lateinamerika. Foto: Claus-Dieter Krohn
 
Eines der Projekte, die Elisabeth Grundmann ermöglicht hat: Migrantinnen aus Wilhelmsburg, vorn links im roten Pullover Organisatorin Yasemin Barlas. Foto: Sigrun Clausen

Die 2013 verstorbene Elisabeth Grundmann hat in ihrem Testament zehn Projekte für Migrantinnen bedacht.

Sigrun Clausen und Angela Dietz. In diesem Sommer wird Güldan Harmancɩ nicht mehr nur bis zur Hüfte im Wasser stehen. Sie wird im Meer schwimmen, das hat sie gerade mit elf anderen Frauen in der Inselpark-Schwimmhalle in Wilhelmsburg gelernt. Nachdem die Schwimm-Meisterinnen die „Seepferdchen“- und „Freischwimmer“-Urkunden an die vor Freude und Stolz strahlenden Frauen übergeben haben, sagt die 62-Jährige, dass sich für sie ein Traum erfüllt hat. Sie ist schon gespannt auf das Gesicht ihres skeptischen Ehemannes, wenn sie demnächst ins Meer steigt: „Er kann nämlich selbst nicht schwimmen!“
Mit dem Migrantinnen-Schwimmkurs hat sich ein Zehntel des Vermächtnisses der 2013 verstorbenen Hamburger Pionierin der Integrationspolitik Elisabeth Grundmann erfüllt. Schwer an Krebs erkrankt, hatte sich Grundmann 2012 gefragt: „Was bleibt von mir, wenn ich nicht mehr da bin?“ Die Hispanistin und Pädagogin beschloss, ihren zehn engsten Weggefährtinnen jeweils 3.000 Euro zu hinterlassen. Die Auflage: das Geld wird für ein Integrationsprojekt für Migrantinnen verwendet.
Als Claus-Dieter Krohn, damals Student in Berlin, der seine spätere Ehefrau Elisabeth Grundmann 1967 in Berlin kennenlernt, begegnet ihm eine „schöne und hochintellektuelle“ Frau. Amüsiert erinnert er sich: „Ich spielte gern Schach und lud sie auf eine Partie ein. Sie, als Anfängerin, hat gleich gegen mich gewonnen!“
Zwei Monate später geht Grundmann nach Costa Rica, um ein Alphabetisierungsprojekt des Deutschen Volkshochschulverbands zu leiten. „Sie erschien mir damals völlig unpolitisch“, schildert der emeritierte Historiker Krohn rückblickend seine Frau. Das soll sich mit ihrer Arbeit in Lateinamerika grundlegend ändern. Neben dem Unterricht konzipiert Grundmann in Costa Rica Radiosendungen für die Bauern, in denen sie sie über ihre Rechte aufklärt. Ausgiebig und wissbegierig bereist das junge Paar Zentralamerika. In Guatemala hat das Militär geputscht. Während der Ausgangssperre hören sie Schießereien, in den Straßen patrouillieren Soldaten, „bis an die Zähne bewaffnet.“

In Nicaragua spielen Mädchen um die „Copa Elisabeth“

Völlig erschöpft von ihrem großen Engagement kehrt Elisabeth Grundmann Weihnachten 1969 nach Deutschland zurück. Um sie herum „schwadronieren“ die 1968er über die Revolution, die Weitgereiste kann sich aufgrund ihrer Erfahrungen nicht damit identifizieren. Sie bahnt sich ihren eigenen politischen Weg. Immer geht es ihr um die Emanzipation der „kleinen Leute“, zum Beispiel der „Gastarbeiter“ in der Bundesrepublik. Bildung ist dabei für sie der Dreh- und Angelpunkt.
Ab 1973 arbeitet sie im Hamburger Amt für Weiterbildung. Sie leitet dort ein von der Bundesregierung finanziertes Modellprojekt zur „Weiterbildung ausländischer Arbeitnehmer“. Schnell werden ihr die schwierige Situation der ausländischen Frauen und die begrenzten Möglichkeiten der wenigen Beratungsstellen deutlich.

Grundmann gründete den Internationalen Frauentreff

„Der Bedarf war riesig. Die Frauen wollten einfach alles wissen, von der Sexualaufklärung bis zu Rechtsfragen. Und dann stand plötzlich Elisabeth Grundmann im Büro und bot uns Geld an. Das hatten wir so noch nie erlebt“, erinnert sich Vilma Plaas, die damals für die Caritas portugiesische Arbeiterinnen betreute. 1980 initiiert Elisabeth Grundmann aufgrund ihrer Erfahrungen den hamburgweiten „Arbeitskreis Frauen in der Immigrantinnenarbeit“.
Die Deutsch-Brasilianerin Vilma Plaas wird eine der zehn mit dem Erbe bedachten Freundinnen Grundmanns. Auch Schwimmkurs-Initiatorin Yasemin Barlas lernt Grundmann durch die Arbeit in einer Beratungsstelle kennen, 1977 in der „Bürgerinitiative ausländische Arbeitnehmer“ (BI) im Einwandererstadtteil Wilhelmsburg. Damals ist Grundmann Ausländerreferentin in der Behörde, Barlas noch Näherin in einer Fabrik. Sie bietet in der BI einen Frauen-Nähkurs an, übernimmt organisatorische Aufgaben. „350 Mark bekam ich dafür. Das Geld habe ich sofort meiner Schwester geschickt. Das Radio, das sie sich davon gekauft hat, hat sie heute noch!“, erinnert sich Barlas. Aus der schüchternen türkischen Gastarbeiterin wird eine Kämpferin für Frauenrechte. Schließlich arbeitet Yasemin Barlas fast 30 Jahre als Dolmetscherin und Sozialberaterin im Wilhelmsburger Ortsamt. Zusammen mit Vilma Plaas gründet sie in Wilhelmsburg den 1. Internationalen Frauentreff in der Jungnickelstraße.
So unterschiedlich wie die Weggefährtinnen sind auch die aus dem Nachlass finanzierten Projekte. In Léon/Nicaragua wetteifern fußballspielende Mädchen um den „Copa Elisabeth“. Eine Forschungsarbeit zu sardischen „Pralinenpendlerinnen“ in der hessischen Schokoladenindustrie erhält einen Druckkostenzuschuss. Vilma Plaas lädt Christinnen und Musliminnen, die noch nie ein Theaterstück gesehen haben, zu „Nathan der Weise“ ein, Lessings Paradestück zum Zusammenleben der Religionen.
Über Jahrzehnte gingen vom Engagement Elisabeth Grundmanns und des Arbeitskreises wichtige Impulse für die Integrationsarbeit aus. „Elisabeth hatte etwas Entscheidendes verstanden“, erklärt Yasemin Barlas. „Sie hat nicht gesagt: ‚Das habe ich für euch‘, sondern sie hat gefragt: ‚Was wollt ihr?‘“
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