Wann sattelt Hamburg um?

Vorrang für den Radverkehr: Teilnehmer auf zwei Rädern bei der Fahrraddemo Critical Mass 2015 an der Dammtorstraße. foto: frank nocke
 
Der Anteil des Radverkehrs steigt, der Senat will ihn auf 25 Prozent pushen. foto: frank nocke

Rot-grüner Senat will den Fahrradverkehr stärken – Hamburg soll Fahrradstadt werden

Volker Stahl/Fabian Teuber, Hamburg

Die Pläne des rot-grünen Senats für die „Fahrradstadt Hamburg“ nehmen langsam Gestalt an. Im Sommer wurde das „Bündnis für den Radverkehr“ beschlossen, das eine Quote von 25 Prozent Radverkehr am Gesamtverkehrsaufkommen anstrebt. Aktuell kursiert eine Liste mit 23 konkreten Maßnahmen zum Ausbau und zur Sanierung des Hamburger Radwegenetzes bis Ende 2018.
Das Gesamtvolumen der Investitionen beträgt rund 30 Millionen Euro. Kernpunkt ist der Ausbau der 14 Velo-Routen von bisher 80 auf 280 Kilometer, außerdem sollen fünf weitere Fahrradstraßen entstehen. „Wir haben in den vergangenen Monaten die wichtigsten Weichen gestellt, damit Hamburg Fahrradstadt wird“, jubelt Martin Bill, verkehrspolitischer Sprecher der Hamburger Grünen. Die Öko-Partei hatte erst kürzlich zum Kongress „Hamburg wird Fahrradstadt“ geladen und Alternativen zu bisherigen Verkehrskonzepten dis- kutiert. Tenor: Der Abschied und ein sprichwörtliches Umsatteln vom Auto zum Rad als Verkehrsmittel Nummer eins befreit Städte von Stau, Lärm und Feinstaub – und fördert nicht zuletzt die Gesundheit ihrer Bewohner.
Bei der Fahrradlobby rennen die Grünen zwar offene Türen ein, doch die Pedes-Jünger sehen einen weit höheren Investitionsbedarf. „Im Vergleich zu anderen Städten, umgerechnet auf die Bewohner, auch in Relation zu den 900 Millionen Euro für den Ausbau der Hafenautobahn, ist es nicht viel“, moniert ADFC-Sprecher Dirk Lau.
Münster, Oldenburg und das holländische Groningen dürfen sich zurecht Fahrradstädte nennen – Hamburg muss dagegen noch ordentlich Gummi geben. Geplant ist, die Zahl der Fahrradbügel an U- und S-Bahnhöfen bis 2026 von 16.000 auf 28.000 zu steigern, überdachte Gitterboxen für Räder und Schließfächer für Helme aufzustellen. Am U-Bahnhof Saarlandstraße ist das bereits Realität – dort können Radler auf die Bahn oder einen Leihwagen umsteigen. Außerdem streut die Stadtreinigung ab sofort im Winter 200 Kilometer Fahrradwege.

Die autofreundliche Stimmung kippt in der Stadt

Doch die Idee der Fahrradstadt findet nicht überall Anklang. Kritik keimte bereits auf, als Harvestehuder Weg zur Fahrradstraße wurde, nun sorgt der gerade begonnene Umbau des Leinpfads für Wirbel. Vor allem die CDU macht Front gegen die grüne Welle für das Rad: „Wir sind strikt dagegen, den Menschen ihr Verkehrsmittel vorzuschreiben, wie es der rot-grüne Senat derzeit macht“, meldet sich der christdemokratische Verkehrsexperte Dennis Thering zu Wort gegen „Fahrradstraßen und eine radikale Umwandlung Hamburgs zur Fahrradstadt zu Lasten der Autofahrer und Fußgänger“.
Doch die autofreundliche Stimmung in Hamburg kippt langsam angesichts einiger grausamer Unfälle mit Radfahrern in den vergangenen
Wochen. Derzeit kommt es im Schnitt in Hamburg täglich zu sechs Unfällen mit Radlern. Erst kürzlich starb eine 19-Jährige in Eilbek unter den Reifen eines rechtsabbiegenden Lastwagens.
Der Senat bleibt auf Kurs in Richtung Fahrradstadt. Bis zum Ende der Legislaturperiode werden jährlich 50 Kilometer Radweg gebaut oder erneuert. In der Diskussion stehen auch Radschnellwege, auf denen Pendler, etwa aus dem Raum Pinneberg, möglichst ohne Zwangshalt Kreuzungen passieren können. An größeren Bahnhöfen soll es künftig Radparkhäuser geben, das Umbaukonzept für den Hauptbahnhof beinhaltet sogar ein Parkhaus mit angeschlossener Werkstatt.
Hamburgs Radkoordinatorin Kirsten Pfaue jedenfalls ist mit ihrer Bilanz nach einem Jahr im Amt zufrieden: „Wir haben einen großen Nachholbedarf bezüglich des Ausbaus und der Sanierung der Radwege, sind aber auf einem guten Weg.“
Was sie meint, sieht man am besten auf dem Radweg an der Harburger Chaussee. 1997 berichtete das Elbe Wochenblatt, dass der Radweg vom S-Bahnhof Veddel in Richtung Wilhelmsburg dort nur schwer zu befahren ist. Baumwurzeln hatten die Steine des Weges angehoben. 20 Jahre später (!) sieht es an dieser Stelle noch genauso aus. Dass Radfahrer dort inzwischen besser fahren, liegt daran, dass sie nun den Deich neben dem ehemaligen Zollzaun benutzen dürfen und nicht mehr auf die antike Holperstrecke angewiesen sind.


Fahrradstadt: Das sagt der ADAC

Jahrzehntelang wurde in Hamburg autogerecht gedacht. Was hält der Allgemeine Deutsche Automobil-Club (ADAC) von der Korrektur dieser Politik? Fragen an Christian Hieff, Pressesprecher des ADAC Hansa.

Herr Hieff, was hält der ADAC davon, dass der rot-grüne
Senat Hamburg zur Fahrradstadt zu machen?

Christian Hieff: Der ADAC ist in seinem Selbstverständnis längst nicht mehr ein reiner Automobilclub, sondern versteht sich als Mobilitätsdienstleiter, der auch die Interessen der Radfahrer im Blick hat. Der Begriff „Fahrradstadt“ ist ein Etikett, das keine klare Begriffsdefinition kennt und daher auch unterschiedlich interpretiert werden kann. Daher fällt eine theoretische Bewertung sehr schwer. Doch grundsätzlich begrüßt der ADAC eine stärkere Förderung des Radverkehrs.

Werden Fußgänger und Autofahrer durch die Senatstrategie benachteiligt?
Hamburg ist eine wachsende Stadt mit einem wachsenden Mobilitätsbedürfnis. Die Förderung des Radverkehrs ist daher konsequent und richtig. Allerdings dürfen darüber nicht die Belange der anderen Verkehrsteilnehmer vergessen werden. Nicht für jeden ist das Fahrrad
eine denkbare Alternative.
Auch die Belange der Fußgänger müssen in den Verkehrs-Planungen berücksichtigt werden. Hierbei geht es nicht nur um die Entschärfung von Situationen zwischen Auto- und Fußgängerverkehr, sondern auch um Konflikte zwischen Radfahrern und Fußgängern.

Welche Konfliktpunkte gibt es bei einem steigenden Fahrradverkehr aus Sicht der Auto-
fahrer?

Besonders bei Umbaumaßnahmen im innerstädtischen Bereich gibt es immer auch Interessens- und Nutzergruppen, die sich durch die Neuregelungen benachteiligt fühlen. Die Diskussionen entzünden sich um Einschränkungen durch Baustellen, Nutzungsbeschränkungen und den Wegfall von Fahrspuren und Parkplätzen. Politik und Verwaltung stehen hier vor der Aufgabe, die Bürger frühzeitig in die Planungen mit einzubeziehen und mit einer offensiven Kommunikationspolitik möglichst viele mit ins Boot zu nehmen. Mit wachsendem Radverkehr nehmen natürlich auch die Anzahl der Konflikte von Radfahrern mit anderen Verkehrsteilnehmern zu. MG
 auf anderen WebseitenSenden
1 Kommentar
10
kai ammer aus Eimsbüttel | 10.02.2017 | 10:46  
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.