Von Hamburg in die weite Welt

Die Costa Neoromantica steuert derzeit verschiedene Häfen in der Ostsee an. Fotos: cvs
 
Reiseziel Hamburg: Über die Gangway verlassen Passagiere die Costa Neoromantica.

400.000 Besucher pro Jahr: Das Kreuzfahrtgeschäft in Hamburg floriert – Abgasproblem bleibt ungelöst.

Von Christopher von Savigny.
Klaus Kohlus hat Glück gehabt, großes Glück sogar: Am 13. Januar 2012 befand er sich mit seiner Frau Doris auf dem Kreuzfahrtschiff Costa Concordia, das vor der italienischen Küste einen Felsen rammte und auf Grund lief. „Ich dachte, mein Leben ist vorbei“, sagt Kohlus. Das Berliner Ehepaar saß gerade beim Abendessen, als es einen gewaltigen Rumms gab. Später fing das Schiff an, sich auf die Seite zu legen. „Im Speisesaal schoss ein Steinway-Flügel an uns vorbei“, erinnern sich die Eheleute. Glücklicherweise hatte der Saal Teppichboden, sodass die Passagiere genügend Halt fanden, um den Weg nach draußen zu finden. „Wir sind dann über die Bordwand rausgeklettert, wo schon Rettungsboote warteten.“
Kaum fünf Monate später schippern die Berliner schon wieder über die Weltmeere – wieder mit einem Schiff der italienischen Reederei Costa Cruciere. Es ist bereits ihre achte Kreuzfahrt. „Ich bin Segler und liebe das Wasser“, begründet Kohlus seine Reiselust. Um ihn herum, im Kreuzfahrtterminal HafenCity, wartet eine Horde aufgeregter und schwatzender Passagiere darauf, die „Costa Neoromantica“ zu entern. Die Ziele sind laut Reiseprospekt die „Magischen Metropolen des Nordens“: Kopenhagen, Oslo, Paris, London und Ams-terdam. Bus-Shuttle und Stadtbesichtigung inklusive. „Langweilen werden wir uns bestimmt nicht“, freut sich sich Edeltraud Schmidt aus Baden-Württemberg. Anlässlich des 70. Geburtstags von Ehemann Lothar gönnen sich die beiden ihren zweiten Schiffstörn. Eine Woche soll er dauern, Start und Ziel ist jeweils Hamburg. „Wenn ich meinen Achtzigsten erlebe, machen wir eine Weltreise“, sagt er und lacht.
Der Kreuzfahrttourismus boomt – weltweit und auch in der Hansestadt. 118 Ozeandampfer mit insgesamt 314.000 Passagieren haben im vergangenen Jahr in der Elbmetropole festgemacht. 1999 waren gerade mal 11.000 Schiffsgäste in Hamburg an oder von Bord gegangen. Der Trend setzt sich fort: Für 2012 werden 161 Schiffe mit rund 400.000 Passagieren erwartet, in drei Jahren soll die Halbe-Million-Grenze erreicht sein. Davon profitieren Einzelhandel, Hotellerie und Gastronomie.
Und Kreuzfahrten sind längst schon nicht mehr ein Privileg gut betuchter Senioren: Achttägige Nordseetörns gibt’s bereits ab 600 Euro, viele Reedereien bieten überdies Familien-Specials an. „Wir wollen etwas von der Welt sehen“, sagt Silke Kamann aus Regensburg. „Aber auf den Stress, jeden Abend ein neues Hotel zu suchen, habe ich keine Lust.“ Annamaria Maurer (10) aus einem kleinen Ort in Unterfranken ist mit den Eltern und der Schwester unterwegs. „In der Schule nehmen wir gerade London durch“, berichtet sie. „Wenn ich wiederkomme, habe ich bestimmt etwas zu erzählen.“
Doch der Boom in der Kreuzfahrtindustrie hat auch seine Schattenseiten: Selbst das erst vor einem Jahr eingeweihte Zusatzterminal in Altona scheint nun nicht mehr auszureichen, um des Passagieransturms Herr zu werden. „Aus Lärmschutzgründen waren ursprünglich nur 50 Anläufe pro Jahr geplant gewesen“, sagt Nadine Palatz vom Hamburg Cruise Center. „Aber für 2012 haben wir schon 70 Schiffsanmeldungen bekommen.“ Jetzt soll ein drittes Terminal her, im Gespräch ist eine Fläche beim Übersee-Zentrum auf der gegenüberliegenden Elbseite. „Grundsätzlich ist das vorstellbar“, sagt Helma Krstanoski, Sprecherin der Wirtschaftsbehörde. „Es gibt aber keine konkreten Planungen.“ Ebenfalls diskutiert wird die Versorgung der Schiffe mit sauberem Landstrom. Das Problem: Um Energie zu erzeugen, blasen Kreuzfahrtschiffe ihre Abgase – Schwefel, Ruß und Staub – auch im Hafen ungefiltert in die Luft. „Zu dem Thema läuft derzeit eine Anfrage in der Bürgerschaft“, so Krstanoski. „Das Ergebnis wird in diesem Sommer vorgestellt.“
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