Vier Hamburger Kinder sollen abgeschoben werden

Sefinaza (l) und Merita (3.v.l.)  sind als Altenpflegerin und Friseurin berufstätig und haben eine deutsche Aufenthaltserlaubnis. Ihre vier minderjährigen Geschwister Melani (7), Ardijana (4), Hajrija (15) und Ardrijan (11) sollen mit den Eltern abgeschoben werden - nach 15 Jahren in Deutschland. Die Kinder sprechen nur Deutsch. Sie sind , bis auf Hajrija, die als Baby ins Land kam, in Hamburg geboren.
 
Ardijana ist vier Jahre alt und will Prinzessin werden, wenn sie groß ist. Foto: CH
 
Rechtsanwalt Georg Debler kämpft dafür, dass sie und ihre Geschwister mit den Eltern in Hamburg bleiben können. Foto: CH

Das Schicksal der Familie Avdijaj: seit 15 Jahren in Deutschland geduldet, nun droht die Ausweisung – die vier jüngsten Kinder kennen keine andere Heimat als Hamburg

Von Christiane Handke-Schuller.
Die Zukunft der Familie Avdijaj: Die kleine Ardijana will Prinzessin werden, wenn sie groß ist. Ihr Bruder Ardrijan: (11) Profi-Fußballer. Melani, die Siebenjährige: „Königin“. Hajrija geht in die Stadtteilschule Bahrenfeld und möchte Erzieherin lernen. Vater Vlaznim (43) will arbeiten und seine Familie ernähren. Und Mutter Suada (39)? „Ich nehme mir einen Strick und hänge mich auf.“
Sie kann nicht mehr – hoffen, immer nur hoffen. Denn bisher sind alle Zukunftspläne ihrer Familie nichts als Wünsche und Träume. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Sie heißt seit 15 Jahren: Warten in Angst. Warten auf das Schreckliche: Dass plötzlich Männer vor der Tür stehen. Dass die Kinder aus den Betten geholt und angezogen werden müssen, die Familie zum Flughafen transportiert wird, in eine Maschine steigen muss, die sie wegbringt in ein Leben ohne Zukunft. In Montenegro oder im Kosovo.
Für die Kinder würde es bedeuten, ausgesetzt zu werden in eine fremde Welt, die sie nie gekannt haben und deren Sprache sie nicht sprechen. Die drei kleinen sind hier geboren, Hajrija war wenige Monate alt, als sie kam. Es sind Hamburger Kinder, Deutsch ist ihre Sprache, sie gehen in deutsche Kindergärten und Schulen. Die fremde Heimat der Eltern heißt für sie nur „da“: „Wir haben da keine Wohnung und müssen auf der Straße schlafen“, sagt Melani leise. Und ihr Bruder fügt hinzu: „Da gibt es Schlangen. Und in die Schule darf man da nur, wenn man Geld
Seit 15 Jahren wartet die Familie darauf, in Hamburg ein ganz normales Leben führen zu dürfen. 2000 haben sie ihre Heimat verlassen und sind auf gefährlichen Wegen nach Deutschland gekommen. Vlaznim Avdijaj: „Von Albanien nach Italien in einem Boot, 52 Leute, wir waren halb im Wasser. Die Geburtsurkunde von Hajrija, die ein Baby war, ist nass geworden und ein bisschen kaputt. Da haben die Leute in Deutschland gesagt: Nein, so geht das nicht.“
Die deutsche Bürokratie - sie verstehen immer noch nicht, wie sie funktioniert. Sie sind Roma. Als solche sind sie nirgendwo registriert gewesen. Sie haben nie standesamtlich geheiratet, hatten keine Papiere. Die hier geborenen Kinder haben eine deutsche Geburtsurkunde, müssen aber eine internationale haben, Voraussetzung für einen Pass.
Nur wenn die ganze Familie Pässe ihres Heimatlands hat, so heißt es aus der Ausländerbehörde, hat sie eine Chance hierbleiben zu dürfen. Problem: Wie kommst du an Pässe, wenn dein Heimatland dich nicht zurückhaben will, weil du Roma bist? Ein Pass bedeutet auch Gefahr: Denn nur mit Pässen kann Deutschland dich abschieben.
Und wohin würde die Familie abgeschoben? Wird sie auseinandergerissen, weil die Eltern verschiedene Nationalitäten haben? Suada ist in Montenegro geboren, Vlaznim im Kosovo. Wohin gehören die Kinder?
Suada hat das ständige Bangen krank gemacht. Sie hat tiefe Ringe unter den Augen. „Ich liebe meine Frau“, sagt Vlaznim. „Aber ich erkenne sie nicht wieder. Sie ist immer traurig.“ Monatelang war sie in der Klinik. Depression mit akuter Suizidgefahr. Melani: „Das war schwer, als Mama weg war.“
Doch an der Behörde glaubt man: Alles nur Hinhaltetaktik. Man glaubt auch: Dass das mit den Pässen so lange dauert, ist Absicht. Christian Martens, Pressesprecher des Einwohner-Zentralamts: „Die Familie wurde geduldet, weil sie sich seit 2001 weigert Passpapiere vorzulegen oder diese zu beantragen“.

Ein Wust an Forderungen und Bestimmungen

Bärbel Dauber von der Kirchengemeinde Bahrenfeld arbeitet seit Jahren in der Flüchtlingshilfe. Sie steht der Familie zur Seite und weiß, dass Vlaznim versucht, die nötigen Papiere zu beschaffen. In Hamburg, in Frankfurt, in Berlin. In Amtsstuben, in Konsulaten, an Botschaften. Aber selbst sie blickt kaum mehr durch bei dem Wust an Forderungen und Bestimmungen, die sich zu vermehren scheinen wie der Brei im Märchen. Dauber: „Ich habe den Eindruck, man denkt in den Behörden: ‘Je schwerer wir es den Flüchtlingen machen, desto weniger werden kommen.’“
Darüberhinaus wirft sie der Behörde vor, die Flüchtlinge austricksen zu wollen.
Dauber: „Wenn die Leute es schaffen, all die geforderten Behördengänge und -fahrten zu machen, die Gebühren zu zahlen, dann werden sie gefragt: Woher hast du das Geld dafür?“
Sie zitiert ein weiteres Beispiel: „Als Vlaznim eine Arbeitserlaubnis beantragt hat, hieß es: Nur, wenn du deine Geburtsturkunde bringst. Er hat sie vorgelegt, da haben sie das Dokument einbehalten und ihm ins Gesicht gesagt: So, damit können wir dich jetzt abschieben.“ Dauber: „15 Jahre lang bekommt er keine Arbeitserlaubnis, gleichzeitig wird der Familie vorgeworfen, dass sie auf Kosten des Staates lebt!“
Vlaznim: „Ich mache alles, ich putze gern auch Toiletten, ist egal. Ich will nur, dass meine Kinder glücklich sind, sie sollen ein anderes Leben haben als ich.“ Denn alles sei besser als das, was er im Kosovo erlebt hat: „Ich brauchte einen Ausweis, deshalb bin ich zu Fuß zehn Kilometer ins Nachbardorf gegangen, um einen machen zu lassen. Da hat die Polizei mich auf dem Weg gestoppt und zusammengeschlagen. Weil ich Roma bin und keinen Ausweis hatte. Da wusste ich: Hier kann ich nicht bleiben. Nie wieder will ich dahin. Selbst wenn ich Papiere hätte, in Deutschland wohne, selbst im Urlaub - nie wieder würde ich dahingehen.“

Den Kindern ist die Ausreise nicht zuzumuten

Georg Debler ist Rechtsanwalt. Er streitet seit 37 Jahren an der Seite von Flüchtlingen. Auch für Familie Avdijaj versucht er das Recht auf Aufenthalt in Deutschland über das Gericht zu erkämpfen. Mit einem ersten Erfolg. Debler: „Der Richter vertrat unsere Auffassung, dass die Familie das Herbeischaffen der Papiere nicht absichtlich verschleppt. Der Richter meinte auch, es sei der Familie, vor allem den Kindern, nicht zuzumuten, in den Kosovo auszureisen. Doch die Ausländerbehörde sagt, das interessiert sie nicht.“
Debler erhebt schwere Vorwürfe gegen die Ausländerbehörde: Die zuständige Sachbearbeiterin setze die Familie massiv unter Druck und schikaniere sie. „Man behandelt die Familie respektlos, duzt die Eltern, spielt mit ihren Gefühlen und nutzt die potenzielle Machtposition auf übelste Weise aus. Der Umgang ist unhöflich und unfair.“
Der Behördensprecher kontert: „Ein Fehlverhalten der Sachbearbeiterin konnte nicht festgestellt werden.“
Neuester Stand der Dinge: Vlaznim Avdijaj hat jetzt eine Arbeitserlaubnis bekommen – mehr als zehn Jahre hat er dafür gekämpft, zwei Jahre davon mit anwaltlicher Unterstützung durch Georg Debler.
Die Duldung für Familie Avdijaj läuft am 1. Juli ab.


Arbeit für Vlaznim Avdijaj

Wer weiß einen Job für den Vater der Familie Avdijaj?
Bitte melden bei Bärbel Dauber im Luthercampus Bahrenfeld unter Tel. 28 51 52 11.
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.